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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 81. Band, (Jahrgang 1875)

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B  aclie  r.

legte  und  zusammenhäufte.  Dadurch  wird  zum  Theile  das
Bild  bestimmt,  welches  die  jüdische  Schriftauslegung  dem
Blicke  des  geschichtlichen  Beobachters  darbietet.
Die  Geschichte  der  jüdischen  Schriftauslegung  wird  nach
dieser  Seite  hin  vorzugsweise  eine  Geschichte  der  jüdischen
Bildung  und  Weltanschauung  sein.  Wie  im  Strome,  der  an
Städten  und  Ländern  vieler  Völker  dahinfliesst,  die  mannigfaltigen ­
  Gegenden  und  Sitze  der  Menschen  sich  spiegeln,  so
erscheinen  in  den  nach  Jahrhunderten  zählenden  Phasen  der
jüdischen  Schriftauslegung  die  Reflexe  der  Gedankenwandlungen ­
  und  Entwickelungen,  durch  welche  die  Träger  jener
Auslegung  zu  gehen  hatten.  Der  platonisirende  Philo  und  der
mutazilitische  Rationalist  Saadja,  der  Aristoteliker  Maiinüm
und  die  Mystiker  des  Zohar,  sie  alle  haben  zu  ihren  nach
fremdem  Vorbild,  aber  doch  mit  eigener  Kraft  aufgeführten
Gedankengebäuden  nicht  nur  die  Ornamentik  aus  der  Bibel
geholt,  sondern  die  tragenden  Säulen  ihrer  Systeme  suchten
sie  auf  das  Fundament  der  heiligen  Schrift  zu  gründen;  sie
tlberbrückten  mit  kühnem  Sinne  die  Kluft,  welche  so  häutig
die  Resultate  des  fremden  Denkens,  sowie  die  des  eigenen
von  den  Lehren  Moses’  und  der  Propheten  trennte.  Dass  ein
solches  Hineintragen  fremden  Gedankenstoffes  in  die  Auffassung ­
  der  Bibel  historisch  berechtigt,  ja  nothwendig  war,
wird  kein  Kundiger  leugnenebenso  unzweifelhaft  aber  ist  es
auch,  dass  dabei  für  die  Auffassung  des  natürlichen  Schriftsinnes ­
  ,  also  für  die  eigentliche  Exegese  keine  h  örderung
erspriessen  konnte.
Umfassender  und  scheinbar  auch  gefährlicher  war  ein
zweites  grosses  Hinderniss,  welches  einer  unbefangenen  Schrifterklärung ­
  innerhalb  des  Judenthums  in  den  Weg  trat.  Dasselbe ­
  kam  nicht  von  aussen,  kam  nicht  von  den  subjectiven
Gedankenrichtungen  einzelner  Meister  und  philosophischer
Schulen,  sondern  es  bestand  in  jener,  lange  Zeit  fast  das
ganze  geistige  Leben  des  Exil  Volkes  tragenden  Lehrmethode,
von  welcher  die  talmudisch-midraschische  Literatur  Zeugniss
ablegt.
Dieser  Lehrmethode  galt  es  in  erster  Reihe  nicht,  die
Schriftdenkmäler  der  Vorzeit  einfach  zu  verstehen,  sondern
            
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