Schelling’s Philosophie der Kunst. 673
Schelling’s, nennt zwar die Ideen, welche sind, Musterbilder
für die Kunst; aber sie deducirt deren Musterhaftigkeit einfach
aus dem Factum ihrer wirklichen Existenz. Das wahrhaft
Seiende, die Idee, ist in ihren Augen schön, aus keinem andern
Grunde als weil es nun einmal das wahrhaft Seiende ist. Die
Mustergiltigkeit des Seienden ist Schelling nicht minder gewiss,
als Baumgarten (mit Leibnitz) das Sein der besten Welt. Die
Kunst kann nach jenem wie nach diesem kein höheres Ziel
haben, als die Nachahmung des Seienden.
Der Kunstphilosoph Schelling hat keinen hinreichenden
Grund, auf den Aesthetiker Baumgarten geringschätzig herabzusehen.
In zwei wichtigsten Punkten, in der Auffassung der
Kunst als Nachahmung, und in der Bezeichnung des Seienden
als des Nachahmungswürdigen, befinden sie sich in vollkommener
Uebereinstimmung. Beide sind gleichweit von der
Einsicht entfernt, die der in der Zeit zwischen beiden stehende
Kant besass, dass der eigentliche Gegenstand der ästhetischen
Untersuchung wie der Darstellung durch die Kunst da.s Wohlgefällige
sei. Baumgarten, der Anhänger der prästabilirten
Harmonie, hatte den Kant’schen Dualismus der theoretischen
und praktischen Vernunft noch vor, Schelling, der Erneuerer
der Identitätsphilosophie, schon wieder hinter sich. Aber in
jener lag wenigstens die Ahnung eines harmonischen, also
ästhetisch unbedingt wohlgefälligen Verhältnisses zwischen natürlicher
und moralischer Weltordnung (Sinnlichkeit und Vernunft,
Nothwendigkeit und Freiheit); diese setzte an die Stelle des
ästhetischen Einklanges zwischen Allgemeinem und Besonderem
(Begriff und Bild) die gleichgiltige Einerleiheit des Entgegengesetzten
, die Neutralisation in der Indifferenz (wie auch
Schasler: Geschichte der Aesthetik S. 868, richtig gesehen hat).
Das ,vollkommene sinnliche Vorstellen', die Quelle der Schönheit
nach Baumgarten, hatte mehr wirklich Aesthetisches an sich, als
die ,ästhetische Thätigkeit', die Quelle der Schönheit nach
Schelling. Jenes, als Aeusserung ,dunkel erkennender Vernunft'
stellte ein Gleichgewicht sinnlichen und vernünftigen Vorstellens
dar. Diese, als,Einheit bewusster und bewusstloser Thätigkeit'
stellt nur die trockene Identität wissender und handelnder
Thätigkeit dar. Schelling’s ,ästhetisches VorurtheiF steht an ästhetischer
Qualität weit hinter dem Baumgarten’s zurück.
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