Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 80. Band, (Jahrgang 1875)

646

Zimmermiinn.

erschiene.  Von  diesem  Augenblicke  an  verlor  die  Beschäftigung
mit  Philosophie  das  Interesse  für  ihn,  und  er  zog  sich  auf
dasjenige  Gebiet  zurück,  wo  er  die  zwischen  Natur-  und  moralischer ­
  Weltordnung  fehlende  Harmonie  wenigstens  zwischen
Verstand  und  Einbildungskraft  hergestellt  zu  sehen  glaubte.
Harmonie  war  es,  die  er  suchte  und  da  er  sie  als  strenger
Kantianer  zwischen  theoretischer  und  praktischer  Vernunft  nicht
fand,  so  Hess  er  die  Metaphysik  fallen  und  wandte  sich  der
Aesthetik  zu.  Dort,  in  der  Kritik  der  ästhetischen  Urtheilskraft
hatte  Kant  die  Möglichkeit  einer  Harmonie  zwischen  Seelenkräften ­
  (Verstand  und  Sinnlichkeit)  gelehrt,  welche  nach  seiner
Versicherung  der  Ursprung  des  Schönen  sein  sollte.  Diese  war
ganz  verschieden  und  folglich  ganz  unabhängig  von  dem  Verhält.niss
  zwischen  theoretischer  und  praktischer  Vernunft  (Naturund
  sittlicher  Weltordnung);  sie  fiel,  wenn  sie  vorhanden  war,
lediglich  auf  die  Seite  der  Einbildungskraft  und  des  Verstandes,
also  in  den  Bereich  blosser  vor  stellender  Thätigkeit,  aus  welcher ­
  weder  ein  Rückschluss  auf  Realität  der  durch  harmonische
Thätigkeit  beider  obiger  Seelenkräfte  vorgestellten  Welt,  noch
ein  solcher  auf  das  Stattfinden  gleicher  Harmonie  zwischen
anderen  Seelenkräften,  z.  B.  zwischen  theoretischer  und
praktischer  Vernunft  (Auffassung  der  Welt  nach  Natur-  und
nach  Freiheitsgesetzen)  erlaubt  war.
Mit  nicht  genug  zu  rühmender  Stärke  hielt  Schiller  diesen
Standpunkt  fest  und  leitete  daraus  seine  bekannte  Theorie  des
,Spieltriebes'  ab.  Diese  glückliche  Bezeichnung  sollte  zugleich
verhindern  den  Erzeugnissen  des  ,Spieles'  Anspruch  auf  Realität,
wie  der  Harmonie  zwischen  Verstand  und  Einbildungskraft  die
ernste  Bedeutung  einer  solchen  zwischen  Natur  und  Freiheit
(mechanischer  und  moralischer  Weltordnung)  beizulegen.  Das
aus  dem  harmonischen  Spiele  des  Vorstellens  entsprungene
Schöne  ist  Schein  ;  dasselbe  macht  keinen  Anspruch  auf  andere
als  die  Realität  blosser  Vorstellung  und  noch  viel  weniger
kommt  es  ihm  in  den  Sinn,  sich  als  Ausgleich  der  theoretischen
und  praktischen  Vernunft  (der  Natur-  und  Freiheitsgesetzgebung)
geltend  zu  machen.
Wenn  sich  der  Dichter  mit  Schein  begnügt,  so  ist  es  begreiflich, ­
  dass  der  Denker  nach  Sein  begehrt.  Jenem  ist  es
um  Spiel,  diesem  um  Ernst,  jenem  um  blosse  Vorstellung,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.