Schelling’ß Philosophie der Kunst. 645
Weltanschauungen herunter. Der Nachdruck, mit welchem Leibnitz
bei jeder Gelegenheit einschärft, dass einerseits alles Geschehen
auf natürlichem Wege, sich vollziehe, andererseits
keine Schuld ohne Strafe, keine Tugend ohne Belohnung
bleiben dürfe, zeigt, dass er weder die mechanische,
noch die moralische Weltordnung zu verkürzen, sondern nur
über beiden eine noch höhere einzuführen denkt, für welche
beide zusammenfallen.
Der Gegensatz der Natur und des Sittengesetzes war in
Leibnitzens Augen ein scheinbarer; die wahre Philosophie bestand
für ihn in der Erkenntniss der Harmonie beider. Nachdem
Kant’s Kritik der reinen und der praktischen Vernunft jenen
Gegensatz (allerdings nicht wie jener im Object, sondern im
Subject der Erkenntniss) erneuert hatte, ging das Bestreben
seiner Nachfolger dahin ihn (wie Leibnitz) zu versöhnen. Kant’s
theoretische Philosophie war eine Auffassung der Welt unter
Natur-, seine praktische eine solche unter Freiheitsgesetzen;
jene fiel mit demjenigen, was Leibnitz mechanische, diese mit
jenem, was dieser moralische Weltauffassung nannte, dem Inhalte
nach zusammen. Zu der harmonischen Weltauffassung
findet sich nur ein schwacher Ansatz bei Kant in der Kritik
der Urtheilskraft. Bei dem (nach Schiller’s bekanntem Ausspruch)
,unästhetischen' Fichte verschwindet auch dieser. Fichte’s
Philosophie fällt so entschieden gänzlich auf die Seite der von
Leibnitz sogenannten moralischen Weltbetrachtung, dass ihm
die Welt überhaupt nur als ,Material der Pflicht' existirte. Erst
bei Schelling und zwar im System des transcendentalen Idealismus
taucht eine Weltanschauung auf, die vielleicht ihre Abkunft
von, aber nicht ihre Verwandtschaft mit dem Harmonismus
verleugnen kann.
Die Opposition gegen Kant ging von Gemüthsmenschen
aus, die es unerträglich fanden, dass theoretische und praktische
Weltauffassung, natürliche und moralische Weltordnung in unversöhnlichem
Streite liegen sollten, ohne den Muth und die
Kraft zu besitzen (wie Fichte) die eine der andern zu opfern.
Schiller fand, dass die Härte des Kant’schen Dualismus
(zwischen Neigung und Pflicht) ,alle Grazien zurückschrecke' ;
aber er verzweifelte für seine Person an der Möglichkeit,
eine Philosophie aufzustellen, in welcher derselbe aufgehoben