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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 80. Band, (Jahrgang 1875)

Schelling’s  Philosophie  der  Kunst.

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diese  steht  (nur)  in  der  Natur,  der  Geschichte  und  der  Kunst
in  verschiedenen  Potenzen.  Könnte  man  diese  hinwegnehmen,
um  das  reine  Wesen  gleichsam  entblösst  zu  sehen,  so  wäre  in
allem  wahrhaft  Eins  (S.  366).
Nehmen  wir  den  vornehm  klingenden  Ausdruck  ,Potenzen'
weg,  so  enthält  diese  Stelle,  das  eigentliche  Programm  der
Schelling’schen  Kunstphilosophie,  nichts,  was  mit  Baumgarten’s
Aestlietik,  welcher  die  Kunst  auf  die  Darstellung  der  ,besten
Welt'  einschränkt,  im  Widerspruch  stände.  Natur  und  Geschichte ­
  sind  auch  im  Sinne  des  Leibnitz’schen  Optimismus,
nichts  anderes  als  die  Verwirklichung  des  göttlichen  Weltplanes, ­
  d.  i.  der  Dinge,  ,wie  sie  in  Gott  sind'  und  ganz  die
nämliche  Aufgabe  weist,  wie  oben  gezeigt,  Baumgarten  der
Kunst  zu,  daher  ihm  die  ,Fabelwelt'  und  die  ,Fiction'  der
Dichter  als  Unvollkommenheit  erscheint.  Der  wahren  Kunst
ebensogut  wie  der  wirklichen  Natur  und  der  wirklichen  Geschichte ­
  ist  nach  Baumgarten’s  Ansicht  die  ,beste  Welt',  das
Universum  oder  mit  Schelling  zu  reden,  das  Absolute  ,eingeboren', ­
  das  nur  in  jeder  der  genannten  in  einer  anderen
Gestalt  (als  ,Natur,  als  Geschichte,  als  Kunst')  erscheint,  und
könnte  man  diese  hinwegnehmen,  um  das  ,reine  Wesen',  die
,beste  Welt',  gleichsam  ,entblösst'  zu  sehen,  so  wären  auch  diese
drei  in  Bezug  auf  dasselbe  wahrhaft  Eins.
Es  scheint  kaum  vermeidlich,  dass  diese  unleugbare  Verwandtschaft ­
  dieselbe  Abneigung  gegen  die  ,Fabelwelt'  der  Dichter
■und  die  ,Fictionen'  herbeiführe,  wie  sie  bei  Baumgarten  hervortritt. ­
  1  Jede  Abweichung  von  der  ,wirklichen'  Welt  ist  in  den
Augen  des  letzteren  eine  ,Verschlechterung'  der  Welt  und  er
befiehlt  daher  dem  Künstler,  sich  durchaus  an  die  Nachahmung
der  besten,  d.  i.  der  wirklichen  Natur  zu  halten.  Der  freie
Flug  der  Einbildungskraft  wird  durch  diese  Beschränkung  unzweifelhaft ­
  gehemmt  und  dieselbe  angewiesen,  sich  innerhalb
der  durch  die  einmal  vorhandene  beste  Welt  gegebenen  Grenzen
zu  halten.  Die  eigentliche  Production  wird  der  Phantasie  versagt ­
  und  der  vollkommenen  Kunst  nur  die  Reproduction  des  in
der  besten  Welt  schon  Vorhandenen  gestattet.  Von  Erfindung  in
1  Auch  Lotze  (Gesell,  d.  Aesth.  S.  149)  hat  auf  diese  Aehnlichkeit  hingewiesen.


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