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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 80. Band, (Jahrgang 1875)

Scholling’s  Pliilosopliie  der  Kunst.  633
hebung  zum  Erkennen  bestehen.  Denken  und  sinnliches  Vorstellen ­
  (Anschauen)  sollten  in  ihrer  Vollkommenheit  darin  Übereinkommen, ­
  wahres  Vorstellen,  jenes  in  Begriffen,  dieses  in
Bildern  zu  sein,  d.  h.  das  Object  aller  Erkenntniss  jenes  in
unsinnlichen  (Begriffen),  dieses  in  sinnlichen  Vorstellungen
(Sinnbildern,  Symbolen)  wiederzugeben.  Wie  die  Logik  eine
Anleitung,  die  Wahrheit  in  Begriffen,  so  sollte  die  Aesthetik  eine
solche  sein,  sie  in  Bildern  zu  fassen.
Damit  stimmte  überein,  dass  der  grössere  Theil  des  Baumgarten’schen
  Werkes  eine  ausführliche  Zeichenlehre  (Semiotik)
umfasste.  Wo  die  bildliche  Darstellung  des  Wahren  (im
Gegensatz  zur  begrifflichen),  das  Unterscheidungsmerkmal  des
Aesthetischcn  ausmacht,  muss  die  Lehre  von  den  Bildern,  als
den  sinnlichen  Vorstellungen,  welche  die  Stelle  unsinnlicher
vertreten,  die  Hauptrolle  spielen.  Was  der  Begriff  in  der  logischen, ­
  soll  das  Bild  in  der  ästhetischen  Darstellung  leisten,
die  Wahrheit  sinnlich,  wie  jener  unsinnlich  zum  Ausdrucke  zu
bringen.  Je  vollkommener  dies  gelingt,  d.  h.  je  völliger  Wahrheit ­
  und  Bild  einander  decken,  desto  schöner  ist  das  letztere.
Nicht  die  Form  des  Bildes  entscheidet  hierbei,  sondern  seine
grössere  oder  geringere  Angemessenheit  an  das  Abgebildete.
Je  weniger  das  Bild  mit  dem  letzteren  Eins  ist,  je  weniger
Wahrheit  und  Bild  einander  durchdringen,  so  dass  wesentliche
Züge  der  ersteren  im  letzteren  fehlen,  d.  h.  je  charakterloser,
unbestimmter  das  letztere  ist,  desto  geringer  die  Schönheit.
Künstlerische  Darstellung  ist  sinnbildliche  Darstellung,  entweder
in  Symbolen  oder  in  Allegorien,  eine  Lehre,  welche  bekanntlich ­
  noch  auf  Winkelmann  Einfluss  gehabt  hat.  Die  Vollkommenheit ­
  des  sinnlichen  Vorstellens  ist  ein  Erkennen  durch
den  Sinn,  als  ein  analogon  rationis,  eine  dunkle  Vernunft,  welche
dasselbe  thut  und  vermag,  wie  die  klare  (das  ,höhere  Erkenntnisvermögen'), ­
  nur  auf  ,  verworrene',  wie  diese  auf
deutliche  Weise.  Baumgarten  selbst  spricht  von  einer  facultas
inferior,  identitates  und  einer  ebensolchen  diversitates  rerum
cognoscendi,  deren  erstere  er  ingenium,  die  letztere  aeumen
,sensitivum'  nennt;  er  legt  dem  Sinne  eine  memoria  sensitiva,
facultas  fingendi  et  dijudicandi,  qua  judieium  sensitivum  et
sensuum,  kurz  alle  Operationen  der  Vernunft  bei,  nur  verworren' ­
  vollzogen.  Sie  constituiren  zusammen  das  analogon
            
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