148
Sehen kl.
Xenophon bezeugtes Sokratisches erscheinen lasse. Das habe
er aber gewagt, weil keinem Leser verborgen bleiben konnte,
dass der Gedankeninhalt der Schrift völlig auf Xenophon selbst,
allerdings einen Sokratischen Schüler zurückgeht. Er gebrauche
nach dem Vorgänge anderer Sokratiker in diesem Dialoge das
Sokratische Gespräch, künstlerisch ausgebildet, nur als Form,
um seine selbst erworbenen Kenntnisse in einem zusammenhängenden
Systeme niederzulegen. Dass der Stoff nicht Eigenthum
des Sokrates sei, lasse er auch deutlich in scherzhaften
Wendungen durchblicken, z. B. c. 2; c. 16, 8. 15. 17 (?). Schon
Ranke hatte S. 10 gesagt: ut pateat in Oeconomico certe Xenopliontem,
ne occultare quidem voluisse, Socratem disserentem ipsius
usum esse thesanris, multo labore et periculo paratis. Doch
vermag auch diese Hypothese nicht den Schwierigkeiten abzuhelfen.
Erstlich War die Formel ^-/.oyca xots autoü y.ai. . . doch
nicht so feststehend, dass man sogleich aus ihrer Anwendung
auf jene Absicht des Verfassers sc.hliessen konnte; und wenn
dies nicht der Fall war, was sollte der Leser mit dem seltsamen
Eingänge machen? Auch würde eine solche Absicht mehr einem
modernen als einem antiken Schriftsteller anstelien, wozu noch
kommt, dass in jener Zeit die Formen der Composition noch so
einfach und so fest waren. Dann beruht diese Hypothese auf
einer nicht ganz richtigen Ansicht von der historischen Treue
der Denkwürdigkeiten. Man nimmt gewöhnlich an, dass Xenophon
in diesem Werke das, was er selbst gehört oder von
Anderen vernommen hatte, ganz getreu und genau wiedergegeben
habe, wobei er durch umfassende Aufzeichnungen unterstützt
wurde.- Ich glaube aber, dass man diese Schrift ganz
bezeichnend Dichtung und Wahrheit nennen kann. Allerdings
hatte Xenophon für alles, was er mittheilte, Anhaltspiuicte.
Im treuen. Gedächtnisse hatte er von vielen Gesprächen seines
Meisters, bei denen er selbst zugegen war oder über die er
Kunde erhalten hatte, den Inhalt, zum Theile auch den Gedankengang
und einzelne für Sokrates charakteristische Wendungen
bewahrt. In jener Zeit, wo Bücher nicht so leicht zu
Gebote standen wie später, war das Gedächtniss natürlich viel
mehr entwickelt. Auf dieses Gedächtniss beruft er sich selbst
I, 3, 1 xou'wv ei) Ypatfw croca av oia|j.vr,p.ov£ÜG(i), von Aufzeichnungen
ist aber nirgends die Rede. Die Ausführung gehört