64
hebräischen Handschriften der k.k. Hofbibliothek. Zum Glücke trafen
wir dann drittens ebenfalls ein vollständiges Exemplar auf unserer
Ferienreise in Lemberg bei einem Privaten, der es uns zum Behuf
der Correctur auf die ganze Dauer des Druckes überlassen hatte.
So viel es anging, suchten wir aus diesen dreien einen correclen
Text herzustellen; bei abweichenden richtigen Lesearten nahmen wir
die eine in den Text auf, die andere in das vollständige Verzeichniss
derselben in unserer hebräischen Einleitung.
Die zweite von uns Eingangs augekündigte wichtige Literaturerscheinung
ist, wie erwähnt, Ovid, nämlich seine Metamorphosen
in hebräischer Sprache. Hier finden w’ir den geraden
Gegensatz von der Bearbeitung Rieti’s. Es ist keine Selbstschöpfung
in dem Sinne und nach dem Muster Ovid’s, sondern die
wirkliche Uebersetzung seiner Metamorphosen, aber nach den
Ottaverimen von Anguillara und ebenfalls in hebräischen
Ottaverimen.
Marini, Chajim Sabbatai, war Arzt und Rabbiner zu Padua
in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Seine classischen
Studien und seine dichterische Begabung drängten ihn zu
einer Arbeit, deren Ausführung mehr als gewöhnliche Kräfte erforderte.
Ovid gab den Inhalt, Anguillara die Form; Beides der
hebräischen Sprache neu und fremd, daher um so grössere
lockendere Aufgabe für ihn, die Metamorphosen in ihrer neuen
Gestaltung der hebräischen Literatur einzuverleiben.
Wir sprachen uns oft dagegen aus, dass in neuerer Zeit
abendländische Stoffe und Formen in die hebräische Sprache übertragen
wurden, ohne auf die Eigentlnimlichkeit derselben zu sehen,
wir nannten diese Verfahrungsweise: Occidentalismus. Marini scheint
der Chorführer und Veranlasser zu derartigen späteren Erscheinungen
gewesen zu sein. Die hebräische Sprache und die Metamorphosen!
Welcher Gegensatz, welcher Widerspruch!
Um so mehr aber müssen wir diese äusserst gelungene Arbeit
bewundern, es sind die Verse Strophe für Strophe genau in
Ottaverimen wiedergegeben, und das äusserlicli fremdartig Scheinendeist
doch durch die meisterliche Kunst des Uebersetzers heimisch
gemacht worden. Es liegt ein Schmelz auf dem Ganzen, und
der belebende Hauch des Genies machte das Unmögliche möglich,
das Nichtzuerwarteude wiiklich und das Widerstrebende lieblich