372
somit von diesem Gesichtspuncte aus am natürlichsten in dem Knaben
den Sohn irgend eines Mächtigen vcrmulhen und wohl am ersten
eines seiner Gönner, der ihm sein Vertrauen bis zu dem Grade
schenkte, dass er ihm sogar die Erziehung seines Sohnes übertrug.
Doch wir wollen nicht zu sehr vorgreifen und lieber nach unserem
Argriffsplane hier zur Betrachtung des zweiten Gedichtes
übergehen, dessen Originaltext wir wieder voranstellen.
35, 17 Liupolt üz Ostemolie, lä mich bi den liuten,
wünfehe mir ze velde und niht ze walde: iclm kan niht riuten:
fi felient mich bi in gerne, alfo tuon ich sie.
20 du wünfeheft underwilent biderbem man dun weist joch wie.
wünfehes du mich von in, fd tuoft du mir leide,
vil foelic fi der walt, dar zuo diu beide!
diu miieze dir vil wol gezemen! wie hält du fus getan,
daz ich dich an din gemach gewünfehet liän,
25 und du mich an min ungemacli? lä liän :
wis du von dan, lä mich bi in: fö leben wir fanfte beide.
Dem Texte mag nun wie oben die sinngetreue Uebersetzung,
mit den Erläuterungen zur Seite, auf dem Fusse folgen. Die nähere
Besprechung des Gedichtes wird die einzelnen, wie ich hoffe,
rechtfertigen.
'Leopold von Oesterreich, lass mich am Hofe (in. höfischer
Umgebung, im Kreise gebildeter Leute). Wünsche mich auf (urbares)
Feld, nicht in den Wald: ich verstehe es nicht den Boden
erst urbar zu machen. Die (höfischen) Leute sehen mich gerne bei
sich, ich sie gerne um mich. Du wünschest auch zuweilen einen
biedern Mann in die wunderlichste Stellung! Wünschest du mich
aus jener Umgebung, so bringst du mich in mir widerliche Lage.
Beides kann gepriesen werden, jenes Geschäft des Urbarmachens
und der Umgang mit Gebildeten (der erst zu bebauende Wald und
das blumige Feld). Möge dir doch letzteres für mich ganz und gar
geziemend scheinen! Wie konnte es dir auch beifallen, während
ich dir stets Willkommenes wünschte, mich in eine mir widerliche
Stellung zu bringen? Lass ab davon: magst du (auf deinen Fahrten
ins Morgenland, nach Spanien u. s. w. noch so lange) des Hofes entbehren,
lass mich da, so leben wir beide angenehm.’
Es begreift sich, dass in diesem Gedichte, soll es richtig verstanden
werden, alles auf die Auffassung des hier absichtlich betonten
Vollworles 'riuten’ ankommt, denn ob in der 18. und 20.