180
fen, beginnen Malerei und Bildnerei sich noch mehr geltend zu
machen. Als Gegenstände derselben finden wir in der Regel den
Inhalt der hymnischen und epischen Gedichte und der Illustrationen
derselben in Tanz und Processionen. Die ältesten Sculpturen sind
stets die Reliefs. Freistehende Statuen kommen erst spät vor; die
ältesten sind Säulen, auf welche der Kopf und die Hände befestigt
sind, dergleichen auch Pausanias als altgepflegte Denkmäler auf
seinen Reisen durch Griechenland antraf, und die als Hermen auch
in der Zeit der grössten Kunstblüthe fortbestanden.
Die religiösen Institutionen des Staates, die Ceremonien bei
Opfern, feierlichen Regierungshandlungen, die man weithin sichtbar
machen will, riefen die alte Pyramidalform hervor. Das Bedürfniss
von grossen geschlossenen und bedeckten Räumen für die
Versammlung geistlicher oder weltlicher Behörden brachten die
Tempel hervor. Der Zweck, das Volk zu gewissen Zwecken zu
versammeln, rief die Thiirme ins Leben, die jedoch kriegerischen
Zwecken ihre besondere Ausbildung verdanken, wie denn das Kriegswesen
der Baukunst vielfache Förderung gebracht hat. Im nördliehen
Europa brachte namentlich auch das Klima eigenthiimliche
Formen, wie z. B. das Spitzdach in die Architektur.
So wie nun der Staat die Wissenschaften für seine Zwecke in
Anspruch genommen hat, so war dies auch mit der Kunst der
Fall, und es ist ihr daraus wesentliche Förderung erwachsen, wo
dies der Fall war. Die Religionen von Indien, Aegypten, Europa
und Altamerika brachten eigene Kunstblüthen hervor, ja sie förderten
theilsweise die Künste sogar auf Kosten der Wissenschaft,
da ihnen die Kunst nie, wie letztere zuweilen, hemmend entgegen
trat.
Wissenschaften und Künste aber werden da, wo sie im rechten
Einklang mit den übrigen Einrichtungen des Staates stehen,
denselben nur fördern, und mit ihm die Völker zu höherer Gesittung
führen, welche in einer harmonischen Entwicklung aller in
den Menschen von der Vorsehung gelegten Triebe und Anlagen,
Gefühle und Kräfte und in deren Rückwirkung auf die Gestaltung
aller menschlichen Verhältnisse in naturgesetzmässiger Weise
besteht.
Wir finden dann, dass der .Staat, der ursprünglich aus der
Familie erwachsen, nachdem er die mannigfaltigsten Formen, als