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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 79. Band, (Jahrgang 1875)

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S  i  c  t  e  1.

nicht,  inwieweit  können  wir  mindestens  eine  den  Originalen
möglichst  nahe  kommende  Form  noch  zu  gewinnen  hoffen?
Es  ist  meines  Wissens  von  den  Herausgebern  von  Briefen
Alcuins  noch  nicht  einmal  der  Versuch  gemacht,  Texte  von
einer  sich  bis  auf  die  stilistischen  Eigenthümlichkeiten  erstreckenden ­
  Genauigkeit  herzustellen,  d.  h.  auch  hier  der  Forderung ­
  gerecht  zu  werden,  welche  doch  sonst  an  die  Ausgaben
von  literarischen  und  historischen  Denkmälern  gestellt  wird.
Man  ist  vielleicht  vor  den  allerdings  sehr  beträchtlichen  Schwierigkeiten ­
  zurückgeschreckt.  Wenn  ich  z.  B.  versucht  habe,
den  Werth  einer  Reihe  von  Handschriften  im  Allgemeinen  und
bezüglich  der  einzelnen  Theile  ihres  Inhalts  zu  bestimmen,  so
ist  damit  für  die  Lösung  jener  Aufgabe  noch  nichts  erreicht.
Selbst  Abschriften  ersten  Grades,  als  welche  wir  die  gewisser
Briefe  in  Y  betrachten  können,  erweisen  sich  als  hie  und  da
bis  zur  Sinnlosigkeit  entstellt:  wie  könnten  wir  da  getreue
Wiedergabe  der  Originalepisteln  in  grammatikalischer  und
orthographischer  Beziehung  erwarten?  Und  mag  'sich  die  Individualität ­
  der  Copisten  auch  nur  ausnahmsweise  so  geltend
gemacht  haben,  wie  wir  das  bei  dem  rhätischen  Schreiber  von
G  wahrnahmen,  so  wird  sie  doch  überall  einige  Spuren  zurückgelassen
  haben.  Eben  daher  kommt  es,  dass  die  Texte
aus  mehreren  Codices  gleicher  Güte  so  zahlreiche  Varianten
aufweisen.  Diese  Handschriften  selber  geben  uns  aber  noch
keinen  zuverlässigen  Massstab  für  die  Auswahl  unter  den  Lesarten. ­
  Doch  dies  ist  noch  nicht  einmal  die  grösste  Schwierigkeit, ­
  auf  die  wir  stossen.  Es  drängen  sich  uns  weitere  Fragen
auf.  Ist  anzunehmen,  dass  Alcuin  zumal  in  den  späteren
Jahren  noch  selbst  geschrieben  hat,  oder  nicht  vielmehr,  dass
er  zumeist  dictirt  haben  wird?  Inwieweit  werden  sich  dann
die  Urschriften  seiner  Notare  mit  dem  vollständig  gedeckt
haben,  was  der  Meiste]-  dictirte  und  was  er  etwa  selbst  niedergeschrieben ­
  haben  würde?  Briefe,  Abbandlungen  und  ganze
Bücher  sind  oft  in  grosser  Hast  geschrieben  worden  (Ep.  202,
234  u.  s.  w.),  bei  der  leicht  Fehler  unterlaufen  mochten.  Und
auch  wo  sicher  grössere  Sorgfalt  aufgewandt  worden  ist,  wie
bei  den  Briefen  an  Karl,  traut  Alcuin  selbst  seinen  Ammanuensen
  nicht  und  will  für  ihre  Nachlässigkeiten  nicht  verant-
            
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