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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 79. Band, (Jahrgang 1875)

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Müller.

Wir  könnten  dann  zwar  begreifen,  wie  eine  Sprache,  die  eine
Kategorie  zur  Bezeichnung  paarweise  auftretender  natürlicher
Gegenstände  schafft,  diese  Kategorie  im  Laufe  der  Entwicklung
auch  auf  andere  Substantiva  ausdehnt,  —  nimmermehr  aber,
wie  sie  dieselbe  Kategorie  auf  andere  Redetheile  überträgt,  um
so  weniger  als  die  Verwendung  des  lautlichen  Repräsentanten
dieser  Kategorie  einen  Sprachzustand  voraussetzen  würde,  welcher ­
  dem  der  Flexion  geradezu  entgegengesetzt  ist.
Nach  unserer,  durch  sorgfältige  Prüfung  der  oben  herangezogenen ­
  Tliatsachen  gewonnenen  Ansicht,  ist  es  also  nicht
das  Hebräische,  welches  formell  den  Sprachzustand  des  Ursemitischen
  (jener  Sprache,  die  den  semitischen  Dialekten  bei
ihrer  Abtrennung  von  einander  zu  Grunde  lag)  am  getreuesten
in  diesem  Punkte  repräsentirt,  sondern  vielmehr  das  Arabische.
—  Die  arabischen  Dualformen  könuen,  abgesehen  davon,  dass
sie  durch  das  Assyrische  als  alterthümlich  bezeugt  werden,  unmöglich ­
  Neubildungen  sein,  da  sie  ein  Sprachbewusstsein  voraussetzen ­
  würden,  dem  die  Natur  der  flectirenden  Sprachen
nicht  entspricht,  womit  aber  gar  nicht  gesagt  ist,  dass  die  Verwendung ­
  des  Arabischen  dem  ursprünglichen  Gebrauche
der  Ursprache  näher  steht.  —  In  dieser  Beziehung  ist  das  Hebräische ­
  mit  successiver  Einschränkung  der  Kategorie,  die  der
Sprache  entbehrlich  schien,  zum  ursprünglichen  Gebrauche
zurückgekehrt,  ein  Vorgang,  der  ganz  und  gar  mit  dem  Gebrauche ­
  des  Duals  in  den  indogermanischen  Sprachen  übereinstimmt. ­

In  den  indogermanischen  Sprachen  ist  gewiss  die  Kategorie ­
  des  Duals,  wie  in  den  semitischen,  von  der  Auffassung
paarweise  vorkommender  natürlicher  Gegenstände,  namentlich
der  doppelt  vorhandenen  Organe  des  menschlichen  Körpers,
ausgegangen.  Nur  von  da  aus  lässt  sich  diese  Kategorie  überhaupt ­
  begreifen.  —  Sie  mag  also  ursprünglich  nur  am  Nomen
substantivum  ausgeprägt  gewesen  sein,  und  von  da  aus,  zunächst ­
  nach  dem  Gesetze  der  Oongruenz,  auch  über  das  Adjectivum
  sich  verbreitet  haben.  —  Interessant  ist  es,  dass  der
Dual  innerhalb  des  Pronomens  gerade  in  der  ersten  Person,
wo  das  Semitische  keinen  Unterschied  zwischen  Dual  und
Plural  kennt,  in  den  indogermanischen  Sprachen  am  deutlichsten ­
  bezeichnet  auftritt,  also  gerade  hier  sehr  alt  sein  muss.  —
            
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