Beiträge zur Literaturgeschichte der £i f ä und der sunnitischen Polemik. 443
Die Kenntniss des Si'ismus, sowohl in Betreff der verschlungenen
Irrgänge seiner Dogmatik als auch seiner Kituallehre,^
stützt sich demzufolge ausser dem Wenigen, was aus
der Si'a-Literatur allgemein verbreitet ist und mehr zugänglich
geworden, 1 zumeist auf Angaben, die wir sunnitischen Verfassern,
welche natürlich polemische Tendenzen verfolgen,
verdanken. In Bezug auf die Dogmatik ist Abu Muliammed
ibn Hazm’s leider noch nicht genug studirtes, aber in
jeder Beziehung weiterer Verbreitung und Bearbeitung würdiges
Kitäb al Milal allerdings eine vorzügliche Quelle;
auch er ist im Verlaufe seines ganzen Werkes Polemiker und
zwar nicht ohne Leidenschaftlichkeit, doch von genug historischer
Treue. 2
Die sunnitische Polemik gegen die Anhänger 'Ali’s beginnt
bereits mit der Traditionsliteratur. Denn es wird nicht
in Zweifel gezogen werden können, dass eine grosse Masse
von ganz regelrecht beglaubigten und dem Propheten oder
behufs grösseren Effectes dem 'Ali selbst in den Mund gelegten
Aussprüchen eine so offenbar polemische Färbung haben, dass
man nicht umhin kann, die bereits zur Secte gewordene
>Si'ä 3 als im Hintergrund stehenden Anlass dieser Aussprüche
1 Einiges ist in Persien und Indien gedruckt worden, s. Zenker Bibli otheca
Orientalis Bd. I nr. 1455—G. Bd. II nr. 11G3. 1172. Ueber
si'itisches jtni ist in Europa das Neueste: A. Querry’s Droit musulman.
Recueil de lois coneernant les musulmans shyites.
Paris. Impr. nat. 1871 — 72 (2 Bände in 8°). Tornauw hat in seinem
für praktische Zwecke geschriebenen Buch über Muslimisches Recht
den Differenzpunkten zwischen Sunnit und Si'ä hin und wieder Berücksichtigung
gewidmet.
2 Ich habe die Polemik gegen den Talmud in Text und Uebersetzung
mitgetheilt in Kobak’s Jesehurun Bd. VIII (Bamberg 1872) p. 76 — 104.
3 Denn das Wort ji« an sich, selbst in Bezug auf die besonderen
Anhänger '"Ali’s gebraucht, hat noch nicht den üblen ketzerischen Beigeschmack,
den es'als Bezeichnung der consolidirten Secte gewonnen
hat (s. Haneberg in der Zeitschr. d. d. mgl. Ges. Bd. II [1817]
p. 57 Anm. 2). Man spricht daher von dem löblichen, schönen tasajju';
z. B. von dem su'übitischen Dichter Dik al-Ginn
LUv..=> IxaAaJ (Kit.alagäni Bd. XII p. (-*, 8) vergl. auch ibid.
Bd. XIII p. (ff* das .vom Dichter Abu-l-Tufeil Gesagte: ^1^
Sitzungsber. d. phil.-histor. CI. LXXVIII. Bd. III. Hft. 29