Lotts Kritik der Herbart’schen Etliik und Herbarts Entgegnung.
185
stand sind die Principien selbst. Denn so wichtig die Frage,
wie man die Principien finden könne und suchen solle (die
Frage der Einleitung) für denjenigen ist, der dieselben noch
nicht kennt: so wenig hat die Frage zu bedeuten, nachdem
die Principien einmal gefunden sind und offen vor Augen
liegen.
Dass es eine unmittelbare Werthbestimmung des Willens
gibt, liegt vermöge der entwickelten praktischen Ideen vor
Augen. Da es eine solche gibt, so fordert die Logik, dass
man dieselbe nicht mit den mittelbaren vermenge. 1
Der eigentliche Vorwurf, welchen die Wissenschaft dem
Eudämonismus (einer falschen Lehrart) macht, besteht darin,
dass er die verschiedenen Motive der Entschliessungen vermengt
hat, und dass dadurch das Bewusstsein der unmittelbaren
Werthbestimmungen des Wollens, welche selbst Motive
(und zwar die vornehmsten) werden sollen, verwirrt und verdunkelt
worden ist. Daher besteht bei Platon, bei den Stoikern,
bei Kant, das Wesentliche der Bemühung darin, das Verworrene
zu reinigen und deutlich hinzustellen. Eben dazu dient
die Sonderung der praktischen Ideen, welche sich bei jenen
unter einander verwirren und verdunkeln. Sobald diese Sonderung
geschehen, hört der Eudämonismus d. h. jene Verwirrung
auf; die Fragen aber, welche ihm noch übrig bleiben sollen,
fällen in die Tugendlehre, wo wir sie lassen wollen.
Keine Wissenschaft aber hat ein solches Licht, welches
in alle Köpfe leuchtete. Die Mathematik, mit aller ihrer Evidenz,
belehrt nur einen sehr kleinen Theil der Menschen; sie
bekümmert sich aber auch nicht um die Menge. Ebenso bekümmern
wir uns nicht um Skeptiker, Mystiker u. s. w., auch
nicht um die, welche bei Personen, Blumen u. s. w. stehen
bleiben, als ob sie im Dunkeln lesen könnten. Ebenso wenig
um den fälschen Sprachgebrauch, nach welchem oft genug ist
gesagt worden, die ästhetischen Urtheile bezeichneten eine
Species der Lust und der Unlust, als ob diese Worte statt der
allgemeinen Ausdrücke Vorziehen und Verwerfen dienen
könnten. Wer die Worte Lust und Unlust nicht in der Psychologie
besser zu brauchen weiss, dem mag man sagen, er
i
Vgl. oben Anmerkung 4, pag. 160.
Der Herausg.