J
B
; i.i
l’il
I
1
tiSM
92 Z immer mann.
Dass Kant nicht behauptet hat, eine Natur ohne Absicht
und Wille sei eine Unmöglichkeit, liegt nach Vorstehendem
auf der Hand. Ebenso, dass der Gedanke einer ,teleologischen
Natur' aus der Abneigung der (subjectiven) Vernunft entspringt,
eine ,zwecklos spielende' Natur, ein blindes Ungefähr zu denken.
Mit klaren Worten spricht Kant dies von der natürlichen
Tochter der teleologischen Natur, von der teleologischen Geschichte,
aus. Nachdem er in seinem neunten Satz (a. a. 0.
S. 307) einen philosophischen Versuch, die allgemeine Weltgeschichte
nach einem Plane der Natur zu bearbeiten, der
auf die vollkommenste bürgerliche. Vereinigung abzielt, als
möglich und selbst für jene Naturabsicht als beförderlich erklärt
hat, fährt er fort: nach einer Idee, wie der Weltlauf
gehen müsste, wenn er gewissen vernünftigen Zwecken entsprechen
sollte, eine Geschichte abzufassen, sei allerdings ein
befremdlicher und dem Anscheine nach ungereimter Anschlag;
es scheint, in einer solchen Weise könne nur ein Roman zu
Stande kommen! Zwar wenn man annehmen dürfe — dass
man es darf, sagt er nicht — dass die Natur selbst im Spiele
der menschlichen Freiheit nicht ohne Plan und Endabsicht
verfahre, so könnte diese ,Idee' immerhin brauchbar sein, allerdings
nur zum ,Leitfaden, ein sonst planloses Aggregat menschlicher
Handlungen, wenigstens im Grossen, als ein System
darzustellen'. Kant spricht von der teleologischen Auffassung
der Geschichte nicht wie von einer Thatsache, sondern wie
von einem Hilfsmittel zur systematischen Darstellung
derselben. Die Möglichkeit, dass das so Dargestellte d. i. der
Gang menschlicher Handlungen, als solches nichts weniger als
systematisch', nichts Besseres sei als ein ,planloses Aggregat', ist
so wenig ausgeschlossen, wie durch die ,vernünftige' Annahme
einer ,Endabsicht in der Natur' die Möglichkeit eines vernunftlosen
,Ungefähr'.
Deutlicher noch drückt sich Kant in der später verfassten
Kritik der Urtheilskraft aus. Schon die Kritik der reinen Vernunft
hat nach dem bestätigenden Zeugniss eines scharfsinnigen
neueren Darstellers von Kant’s Teleologie (Stadler: Kant’s Teleologie
Berl. 1874) zu dem Ergebniss geführt, dass der Naturzweck
nicht aus der Natur abgelesen werden kann. Nach der Kritik der