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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

90  Z  i  m  m  e  r  in  a  n  n.
punkt  der  Entscheidung  liegt  im  Begriffe  des  ,Vernünftigen'.
Wird  unter  Vernünftigkeit  in  Bezug  auf  die  Vorstellung  der
Natur  eben  nichts  anderes  verstanden,  als  die  Vorstellung,  dass
dieselbe  ,planmässig'  vorgehe,  so  versteht  es  sieh  von  seihst,
dass  die  entgegengesetzte  Vorstellung  des  ,blinden  Ungefähr'
eben  unvernünftig  sei.  Nach  dieser  Auffassung  besteht  die
,Vernünftigkeit'  darin,  auch  der  Natur  ,Vernunft'  und  ,planmassiges
  Vorgehen'  beizulegen  d.  h.  die  Vorgänge  in  derselben
so  vorzustellen,  wie  sie  sein  müssten,  wenn  die  Urheberin
derselben,  die  Natur,  ein  vernünftiges  d.  i.  nach  Plan  und  mit
Absicht  handelndes  Wesen  wäre.  Dies  einmal  zugegeben,  wäre
die  Annahme,  die  Natur  handle  nur  ,in  Theilen'  zweckmässig,
im  Ganzen  aber  ,zwecklos',  allerdings  ,unvernünftig';  die  Natur
einmal  als  ,Vernunftwesen'  gedacht,  kann  sie  nur  als  sowohl  im
Ganzen  wie  in  den  Theilen  vernünftig  gedacht  werden.  Jenem
zufolge  wäre  eine  Vernunft,  die  die  Natur  nicht  als  ,Vernunftwesen',
  diesem  zufolge  eine  Vernunft,  die  sie  nur  ,in  Theilen' ­
  (statt  im  Ganzen)  als  solches  dächte,  nicht  werth  ihres
Namens.
Dem  Anscheine  nach  liefen  nun  alle  drei  Fälle  auf
ein  und  dasselbe,  auf  den  Begriff  der  Vernünftigkeit  hinaus,
der  das  Vernunftwesen  zwingt,  die  Natur  als  Vernunftwesen
zu  denken.  In  Wirklichkeit  aber  verhält  sich  die  Sache  ganz
anders  und  hat  der  Begriff  der  Vernünftigkeit  im  ersten  Falle
eine  ganz  andere  Tragweite  als  in  den  beiden  anderen  Fällen.
Wird  nämlich  einmal  die  Natur  als  Vernunftwesen  gedacht,
so  ist  damit  schon  gesagt,  dass  es  ein  Widerspruch  wäre,  wenn
dieselbe  zwar  in  den  Theilen,  aber  nicht  im  Ganzen  als  solches ­
  gedacht  würde.  Letzterer  Gedanke  ist  eine  notkwendige
Consequenz  des  ersten  Gedankens;  wer  den  ersten  denkt,
muss  nothwendig  den  zweiten  decken,  wenn  er  folgerichtig
denkt.
Die  Vernünftigkeit  im  ,Ganzen'  ist  eine  nothwendige  Folge
der  Vernünftigkeit  der  Natur,  die  eben  kein  Vernunftwesen
wäre,  wenn  sie  es  bloss  ,in  Theilen'  wäre.  Der  Gedanke  einer
vernünftigen  Natur  steht  mit  dem  Gedanken  einer  ,durchgehends'
vernünftigen  Natur  in  so  engem  Zusammenhänge,  dass  der  eine
nicht  ohne  den  andern  gedacht  werden,  und  aus  der  Setzung
            
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