Kant und die positive Philosophie.
89
herauskomme, dass es bleiben werde, wie es von jeher gewesen
ist, und man daher nicht Voraussagen könne, ob nicht die
Zwietracht, die unserer Gattung so natürlich, am Ende für
uns eine Hölle von Uebeln in einem noch so gesitteten Zustande
vorbereite, indem sie vielleicht diesen Zustand selbst
und alle bisherigen Fortschritte in der Cultur durch barbarische
Verwüstung wieder vernichten werde? Kant nennt dies ,ein
Schicksal, wofür man unter der Regierung des blinden Ungefähr
nicht stehen könne', das aber docli in dem von Kant
selbst vorher angedeuteten und als möglich zugelassenen
,Glücksfalle' wenigstens kaum sich ereignen kann, wenn, obgleich
nur ,von Ungefähr', eine Bildung, die sich in ihrer Form
,erhalten kann', gelungen sein sollte. Der Gegensatz zwischen
der Annahme des ,blinden Ungefährs' und einer weisen ,Naturabsicht'
laufe, sagt Kant, auf die Frage hinaus, ob es^ wohl
vernünftig sei, Zweckmässigkeit der Naturanstalt in Theilen
und doch Zwecklosigkeit im Ganzen anzunehmen? j Da bei
der ,Zweckmässigkeit in Theilen' gleichfalls von einer ,Naturanstalt'
d. i. von einer veranstaltenden Naturabsicht die Rede
ist, so drückt jener Gegensatz nicht sowohl das Verhältniss des
,blinden Ungefährs', das jede ,Naturabsicht' ausschliesst, zur
planmässigen Naturgestaltung, als vielmehr den Gegensatz
zwischen einer ,in den Theilen' klugen, aber im Ganzen
zwecklosen, und einer im Ganzen und in den Theilen einsichtsvollen
,Naturanstalt' aus. Dass letztere Annahme ,vernünftiger'
sei, wenn nur zwischen den zwei letztgenannten zu wählen
ist, leidet keinen Zweifel; in der angeführten Stelle aber
war von drei, statt bloss von den letzten beiden Fällen als
,möglichen' die Rede und so ist durch das obige Argument
der erste derselben, der ,Glücksfall des Ungefähr' nichts weniger
als ausgeschlossen.
Der Unterschied der drei von Kant aufgestellten Fälle
besteht in Folgendem. In Bezug auf den ersten handelt es sich
um die Frage, ob es ,vernünftiger' sei, in der Natur überhaupt
,Vernunft' oder ,blindes Ungefähr' anzunehmen. In Bezug auf
die andern beiden dagegen darum, ob, einen Plan der Natur
einmal vorausgesetzt, es ,vernünftiger' sei, denselben nur in
den Theilen oder auch im Ganzen vorauszusetzen. Der Schwer-