Kant und die positive Philosophie.
59
Kant hat, als er den Raum (und die Zeit) zu Gegenständen der
,Anschauung“ stempelte, nicht die äussere (sinnliche), sondern
die ,reine“ Anschauung zu Hilfe genommen. Die positive Philosophie
schwankt zwischen der Vorstellung des Raumes als
objectiver Wirklichkeit und eines blossen Productes subjectiver
Einbildungskraft unklar hin und her. Einerseits geneigt,
denselben, ,der alle Körper des Universums einschliesst“, selbst
als Körper, nur ohne jede Begrenzung, und zu dem Ende nicht
blos mit geometrischen, sondern mit physikalischen Eigenschaften
begabt, als Flüssigkeit oder als luftartig vorzustellen, gibt
sie doch andererseits diesen ,positiven Begriff“, der angeblich
aus der Beobachtung stammt, für eine blosse Annahme, eine
,Hypothese“, ein ,Bild“, eine ,Abstraction“ aus, die nur zum genaueren
Studium der ,geometrischen Phänomene“ dienen soll.
Die ,Homogeneität“ der Phänomene, welche den Gegenstand
der verschiedenen positiven Wissenschaften bilden, ist durch
die geometrischen und mechanischen ,Erscheinungen“ gestört.
Raum und Bewegung sind nicht Gegenstände der sinnlichen
Wahrnehmung, wie die Weltkörper am Himmel; die organischen
und unorganischen auf Erden es sind. Beide haben zwar nicht
,übersinnliche“, aber ganz gewiss eine glicht sinnliche“ Natur
an sich. Wer den Raum ,nach Analogie des Mittels, in dem
wir leben“, als eine noch so verdünnte Luft oder als eine
flüssigste Flüssigkeit dächte, hätte damit immer noch nicht den
Raum, sondern eine diesen erfüllende feine Materie, d. i. einen
Körper im Raum gedacht. In gleichem Grade gilt dies von der
schlechterdings sinnlich (wie schon die Alten gewusst haben)
nicht wahrnehmbaren Bewegung. In dem Sinne, dass ihre
Phänomene, ,abgesehen von allen sie bei reellen Körpern, ohne
Einfluss auf sie zu üben, begleitenden Erscheinungen“ (abstraction
faite de tous les untres phenomenes, qui les accompagnent
constamment dans les corps reels, sans cependant exercer sur
eux aucune influence), sinnlich wahrnehmbar wären, sind Geometrie
und Mechanik keine Naturwissenschaften.
Von beiden Wissenschaften gilt, dass ihre Lehrsätze zwar
durch die Erfahrung bestätigt, aber nicht aus dieser geschöpft
werden. Von der ,concreten“ Mathematik (wie Comte
sie nennt), ebenso wie von der ,abstracten“, von der er das
Gegentheil selbst nicht zu behaupten wagt, ist der obige Aus-