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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

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Sclierer.

Angst,  andererseits  eine  Ahnung-  von  tiefer,  verzehrender  Gewalt
allbeherrschenden  Gefühls,  deren  Eindruck  alle  schildernden
Versuche  des  mlid.  Epos  weit  übertrifft.  Nur  Wolfram  selbst
hat  sich  übertroffen  mit  dem  Gegenstück  zum  Tageliede,  mit
dem  Bilde  der  Ehe  im  Willehalm,  worin  er  eben  so  grossartig
unbefangen  die  unverholene  Wahrheit  der  Natur  hinstellt:  der
arme,  gehetzte,  schlachtmüde  Mann,  der  im  Anno  des  Weibes
Pflege,  Ruhe,  Erquickung,  Wonne  sucht.  Ich  weiss  keinen
Dichter,  der  etwas  Aelmliches  gewagt  und  gewonnen  hätte.
Wolfram  hat  das  Wächterlied  weder  erfunden  noch  in
Deutschland  eingeführt.  Und  in  der  Anlage  des  Tageliedes
überhaupt  sehliesst  er  sich  genauer  an  die  fremden  Muster  als
Andere.  Er  hat  der  Gattung  alles  Conventionolle,  Unwirkliche
abgestreift  und  daher  wohl  geflissentlich  den  Wechselgesang
der  Liebenden,  das  Scheideduett  verschmäht,  wie  es  z.  B.
Dietmar,  Morungen,  Walther  kennen.  Und  dieses  gerade  schein
eigentümlich  deutsch.  Wechselgesang  als  solcher,  besonders
Mann  und  Mädchen  wechselnd,  aber  nicht  speciell  in  der
Situation  des  Tageliedes,  muss  in  Deutschland  sehr  beliebt  und
vielleicht  altüberliefert  gewesen  sein.  Darauf  würde  eine  erschöpfende ­
  Betrachtung  der  Frauenstrophen  wohl  führen.
Wir  kehren  nun  zu  Dietmar  von  Aist  zurück.
Es  ist  mir  öfters  eingefallen,  und  ich  habe  seine  Gedichte
darauf  hin  betrachtet,  ob  sie  vielleicht  von  verschiedenen  Verfassern ­
  herrühren.  Auch  Wackernagel  bemerkt  (Altfranzösische
Lieder  und  Leiche  S.  202  n.),  das  was  die  Handschriften  unter
dem  Namen  Dietmar  zusammenstellen,  sei  keineswegs  alles  von
gleichem  Alter:  ,sie  vermengen  zwei  Dietmare  oder  sonst  verschiedene ­
  Dichter/  Ich  glaube  nun  nicht,  dass,  abgesehen  von
unechten  Anhängen  oder  Einschiebseln,  sich  eine  solche  Ansicht
wahrscheinlich  machen  und  die  Entstehung-  der  Liederbücher
nach  unserer  sonstigen  Ivenntniss  der  Ueberlieferung  mhd.  Lyriker ­
  begreifen  Hesse.
Auch  fehlt  es  bei  aller  Verschiedenheit  des  Stils  nicht
an  durchgehenden  Eigenthümlichkeiten.
Die  Vermeidung  des  Hiatus  wurde  schon  erwähnt,  ebenso
die  Seltsamkeiten  der  Cäsur  im  ersten  Ton  des  ersten  (I)  und
im  dritten  Ton  des  zweiten  Liederbuches  (II).  Die  Senkung  fehlt
            
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