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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Deutsche  Studien.  II.

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scheinen,  bei  Wolfram  durch:  der  Wächter  empfängt  Lohn
(vergl.  4,  26),  er  soll  dafür  sein  allgemeines  Wecklied  unterlassen ­
  (6,  12)  oder  verschieben,  den  Gast  erst  warnen.
Sehr  richtig  hat  Bartsch  von  dieser  Gattung  die  andere
geschieden,  in  welcher  der  Wächter  nicht  Vertrauter  ist,  folglich ­
  auch  nicht  speciell  die  Liebenden  wecken  kann:  so  in
zwei  Gedichten  Wolframs  (3,  1.  7,  41)  und  in  dem  Tageliede
Walthers  von  der  Vogelweide.  Das  provenzalische  Vorbild
behält  in  der  Regel  aus  dem  Wächterliede  bei:  die  Erwähnung
des  Wächters  und  seines  Gesanges,  die  Schilderung  des  Morgens ­
  und  den  Refrain.  Wovon  dann  im  deutschen  Nachbild  das
eine  oder  andere  verloren  geht.  An  sich  ist  das  Scheiden  der
Liebenden  ein  neues  Motiv,  das  in  den  Rahmen  des  Wächterliedes ­
  nur  äusserlich  hineingefasst  wird.
Das  drittälteste  deutsche  Tagelied  ist  wohl  das  in  der
Handschrift  A  unter  Leutold  von  Seven  überlieferte  (s.  Deutsche
Studien  1,  314  f.),  wovon  nur  die  erste  Strophe  erhalten:
,Die  nu  M  liebe  släfen
und  in  den  sorgen  gern  dem  tage,
die  ensümen  sich  nu  niht.
ja  vurhte  ich  daz  man  loäfen
5  schrie  oh  in,  daz  ist  min  clage.
ich  sihe  ivol,  daz  ist  al,  enivilit. 1
also  sprach  ein  wahtcere
,ez  ist  mir  iemer  swcere,
sol  in  da  von  gewerren  iht.‘
Ueberliefert  ist  Z.  6  allez  an  lieht.  Die  Reimordnung'  ahcabcddc,
vier  Hebungen  stumpf  oder  drei  Hebungen  klingend.
Wolfram  wüsste  ich  kein  anderes  Verdienst  um  das  Tagelied
zuzuschreiben,  als  die  virtuose  wundervolle  Behandlung  und  den
künstlerischen  Ernst  und  Geradsinn,  mit  welchem  er  die  Wahrheit ­
  der  Dinge  an  den  Tag  bringt  und  die  sinnliche  Glut  im
Gedichte  nicht  zurückhält,  wo  sie  der  Wirklichkeit  gemäss  war.
Hauptsache  ist  dabei  die  geistige  Wirkung:  dass  im  Augenblicke
der  höchsten  Gefahr  die  Leidenschaft  noch  einmal  mächtig  auflodert ­
  —  und  hier  wird  sie  uns  erst  von  Angesicht  zu  Angesicht
gezeigt  —,  dass  also  Liebe  stärker  ist  als  Furcht  vor  Schimpf
und  Tod,  das  gibt  uns  einerseits  eine  athemlose,  mitleidende
            
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