Deutsche Studien. II.
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scheinen, bei Wolfram durch: der Wächter empfängt Lohn
(vergl. 4, 26), er soll dafür sein allgemeines Wecklied unterlassen
(6, 12) oder verschieben, den Gast erst warnen.
Sehr richtig hat Bartsch von dieser Gattung die andere
geschieden, in welcher der Wächter nicht Vertrauter ist, folglich
auch nicht speciell die Liebenden wecken kann: so in
zwei Gedichten Wolframs (3, 1. 7, 41) und in dem Tageliede
Walthers von der Vogelweide. Das provenzalische Vorbild
behält in der Regel aus dem Wächterliede bei: die Erwähnung
des Wächters und seines Gesanges, die Schilderung des Morgens
und den Refrain. Wovon dann im deutschen Nachbild das
eine oder andere verloren geht. An sich ist das Scheiden der
Liebenden ein neues Motiv, das in den Rahmen des Wächterliedes
nur äusserlich hineingefasst wird.
Das drittälteste deutsche Tagelied ist wohl das in der
Handschrift A unter Leutold von Seven überlieferte (s. Deutsche
Studien 1, 314 f.), wovon nur die erste Strophe erhalten:
,Die nu M liebe släfen
und in den sorgen gern dem tage,
die ensümen sich nu niht.
ja vurhte ich daz man loäfen
5 schrie oh in, daz ist min clage.
ich sihe ivol, daz ist al, enivilit. 1
also sprach ein wahtcere
,ez ist mir iemer swcere,
sol in da von gewerren iht.‘
Ueberliefert ist Z. 6 allez an lieht. Die Reimordnung' ahcabcddc,
vier Hebungen stumpf oder drei Hebungen klingend.
Wolfram wüsste ich kein anderes Verdienst um das Tagelied
zuzuschreiben, als die virtuose wundervolle Behandlung und den
künstlerischen Ernst und Geradsinn, mit welchem er die Wahrheit
der Dinge an den Tag bringt und die sinnliche Glut im
Gedichte nicht zurückhält, wo sie der Wirklichkeit gemäss war.
Hauptsache ist dabei die geistige Wirkung: dass im Augenblicke
der höchsten Gefahr die Leidenschaft noch einmal mächtig auflodert
— und hier wird sie uns erst von Angesicht zu Angesicht
gezeigt —, dass also Liebe stärker ist als Furcht vor Schimpf
und Tod, das gibt uns einerseits eine athemlose, mitleidende