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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

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Scherer.

es  etwas  zu  verhehlen,  die  Aufpasser  treten  in  den  Gesichtskreis ­
  der  Liebenden  und  erörtert  wird,  wie  man  sie  betrügen
könne.  Noch  ist  der  Dichter  nicht  an  das  Ziel  seiner  Wünsche
gelangt,  aber  man  sieht  die  Fortschritte,  die  das  Verhältniss
macht.
Eine  Trennung  scheint  die  Entwicklung  zu  verzögern.
Die  heimliche  Trauer  in  VII  (12,  27)  ist  nicht  hlos  die  Sehnsucht ­
  des  ohne  Erhörung  Schmachtenden,  es  ist  auch  die  Sehnsucht ­
  des  Entfernten,  der  den  Tag  des  Wiedersehens  nicht
erwarten  kann.
Aber  die  Entfernung  des  Geliebten  reift  die  Empfindung
der  Frau:  VIII  (14,  26)  spricht  ihre  Freude  aus,  dass  er
zurückkehrt,  und  den  Entschluss,  sicli  ihm  hinzugeben.
Diese  Absicht  scheint  sie  ausgeführt  zu  haben.  IX  (13,  1),
ein  Lied  voll  seltsamer  Reim-  und  Stylkünste  (Z.  6.  8  zollen
zften  mir  :  gcvallet  si  mir;  Z.  10.  13  pfliget  ir  Up  :  umbe  ir
lip  nach  B;  Z.  11—13  stürbe  ich  :  wurde  ich  :  würbe  ich;
Z.  4.  5.  7.  ie  —  und  ie),  zeigt  den  Dichter  nicht  mehr  unzufrieden, ­
  nicht  mehr  sehnsüchtig,  das  trüren  ist  verschwunden;
die  Verse  bekunden  wachsende  Liebe  und  unverbrüchliche
Anhänglichkeit  ohne  eine  Spur  von  Klage.  Ein  bestimmterer
Anhaltspunkt  ist  freilich  nicht  vorhanden,  aber  der  verschwiegene ­
  Dichter  musste  sich  hüten,  etwas  zu  verrathen.  Die
Worte:  ich  weiz  vil  wol  umbe  waz,  worin  man  eine  Hindeutung
auf  heimliches  Glück  sehen  könnte,  führen,  wie  sie  da  stehen,
doch  nur  das  Folgende  ein.
Die  beiden  letzten  Strophen,  der  Dame  in  den  Mund
gelegt,  sollen  das  Verhältniss  nach  aussen  vertreten,  X  (13,  14)
gegen  die  Aufpasser,  XI  (13,  27)  gegen  andere  neidische
Frauen.  Die  Dame  bekennt  dort  offen,  dass  sie  seine  friundinne
  sei,  aber  sie  leugnet  den  sinnlichen  Charakter  des  Verhältnisses. ­
  Hier  deutet  sie  sehr  boshaft  an,  dass  wohl  manche
andere  seinen  Willen  getlian  habe;  wenn  eine  solche  ihn  nicht
ohne  Grund  verloren  und  nun  um  ihn  traure,  so  sei  das  nur
macht  unbeständig 1 ?  Das  ist  doch  unmöglich,  und  Treue  und  Unbeständigkeit ­
  haben  hier  überhaupt  nichts  zu  thun.  Ein  Wort  ungcehe  ist  allerdings ­
  nicht  nachgewiesen,  aber  Meinloh  könnte  es  gemacht  und  ungcehiu
friuntschaft  gesagt  haben.  Die  Ungebräuchlichkeit  würde  die  Verderbniss
erklären.
            
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