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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Deutsche  Studien.  II.

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einem  Ritter  von  Kürenberg  erfunden.  Dessen  echte  Gedichte
sind  uns  wohl  sämmtlicli  verloren;  wir  müssen  uns  dieselben
volkstümlicher  als  die  erhaltenen,  mehr  in  der  Art  der  Strophe
MF.  3,  17—25  denken.
Die  pseudo-kürnbergische  Sammlung  enthielt  ursprünglich,
wie  ich  glaube,  noch  nicht  den  Dialog  8,  9—16.  Sie  bestand
aus  14  Strophen,  welche,  sieben  auf  einer  Seite,  gerade  ein
Blatt  von  dem  Formate  der  Nibelungen-Liederbiicher  füllten.
Die  neun  ersteu  rühren  von  Frauen  her,  die  fünf  letzten  von
Männern.
Heinzei  schreibt  mir  über  meine  Argumentation,  betreffend ­
  die  Autorschaft  des  Kürenbergers:  ,Ich  kann  hier  nur
zu  einem  non  liquet  kommen  oder  zu  einer  anderen  Wahrscheinlichkeit. ­
  Das  Gedicht  8,  1  wurde  doch  von  der  Dame
oder  von  dem  Dichter  in  der  Person  der  Dame  gedichtet,  um
gesungen,  d.  i.  vorgesungen  zu  werden.  Es  verklingt  ja  auch
nicht  in  der  Einsamkeit  ihrer  Kammer,  sondern  der  Geliebte
hört  es  und  antwortet.  Wie  geht  das  zu?  Sie  kennt  ihn  ja
nicht,  sie  weiss  ja  nicht,  wer  es  war,  der  unter  vielen,  die  sie
nur  hören,  nicht  sehen  konnte,  durch  schönen  Vortrag  der
Kürenberg’schen  Melodie  ihr  Herz  gewonnen  hat.  Wenn  sie
diesem  angeblich  Unbekannten  ihr  Lied  doch  vorsingt  oder
Vorsingen  lässt,  so  liegt  die  Vermuthung  einer  Fiction  sehr
nahe.  Sie  thut,  als  wisse  sie  nicht,  wer  der  Sänger  gewesen,
sie  muss  also  ihr  Lied,  durch  das  sie  ihm  ihre  Neigung  kundgeben ­
  will,  so  einrichten,  dass  er  aus  den  Angaben  über  jenen
Sänger  merkt,  er  sei  gemeint.  Diese  Angabe  ist:  in  Kürenberges ­
  ivise,  gleich  passend,  mag  der  Betreffende  selbst  der
Kürenberg  gewesen  sein  oder  ein  Anderer,  der  ein  Kürenbergisches
  Lied  sang.  Hübscher  freilich,  wenn  das  erstere
der  Fall  war.  Dass  das  Lied,  das  sie  gehört,  für  sie  bestimmt
gewesen,  ist  nach  ihrer  Ausdrucksweise  ganz  unwahrscheinlich,
es  gehört  also  nicht  zu  der  Gruppe  8,  1;  9,  29.  Warum  sie
demnach  die  Kürenberges  wise  gewählt  haben  sollte,  ist  nicht
abzusehen,  und  wir  stehen  mit  dem  Namen  vollkommen  im
Dunkeln/
Dass  das  Lied,  welches  jener  Ritter  nächtlich  sang,  für
die  Dame  bestimmt  gewesen  sein  müsse,  habe  ich  nicht  behauptet. ­
  Das  Lied  braucht  ebensowenig  für  die  Dame  bestimmt
            
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