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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 77. Band, (Jahrgang 1874)

Die  Theologie  des  Bachja  ihn  Pakuda.

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Eine  richtige  Erkenntniss  unserer  Seelenkräfte  wird  uns
übrigens  die  Unmöglichkeit,  uns  Gott  bildlich  vorstellen  zu
können,  ganz  begreiflich  hnden  lassen.  Von  den  fünf  leiblichen
Sinnen  hat  ein  jeder  sein  besonderes  Gebiet  zugewiesen,  so
z.  B.  der  Gesichtssinn  Farben  und  Formen,  der  Gehörsinn
Schälle  und  Klänge,  hat  ein  jeder  eine  Grenze  seiner  Leistungskraft, ­
  die  er  nicht  überschreiten  kann,  ohne  seinen  Dienst  zu
versagen,  wie  der  Gesichtssinn  z.  B.  nicht  über  eine  gewisse
Entfernung  hinaus  sehen  kann.  Ein  Sinn  kann  nicht  die  Leistungen ­
  des  anderen  übernehmen,  wir  können  mit  den  Augen  1
nicht  hören  und  nicht  mit  den  Ohren  sehen.  Für  den  Gesichtssinn ­
  ist  der  Schall  unfassbar,  wie  für  den  Gehörsinn  das  Licht.
Ganz  ebenso  haben  die  Seelenkräfte,  die  fünf  geistigen  Sinne
ihre  gegen  einander  abgegrenzten  Wirkungskreise,  jeder  seine
bestimmte  Schranke,  über  die  hinaus  er  nicht  leistungsfähig
sein  kann.  So  nimmt  der  Verstand  die  Dinge 2  entweder  durch
ihr  Wesen  selbst  oder  durch  Beweise  wahr,  das  Naheliegende
und  Offenbare  durch  sie  selbst,  durch  ihr  Wesen,  das  Entfernte ­
  und  Verborgene  durch  Beweise,  die  deren  Dasein  bekunden. ­
  Von  Gott,  dessen  Wesen  uns  am  Entferntesten  und
Verborgensten  ist,  kann  also  der  Verstand  nur  durch  Beweise
sein  Dasein  erfahren.  Und  weil  ein  Sinn  nicht  über  die  Schranke
seiner  Kraft  hinausgehen  kann,  ohne  seinen  Dienst  zu  versagen,
so  darf  der  Verstand  nicht  bis  zur  Vorstellung  des  göttlichen
Wesens  Vordringen  wollen,  wenn  er  nicht  selbst  die  Erkennt-1

  Wie  liier  Bachja  überhaupt  den  lauteren  Brüdern  gefolgt  zu  sein  scheint,
so  findet  sich  auch  bei  ihnen  die  Bemerkung  von  den  abgegrenzten
Sinnesbezirken.  ,Von  den  sinnlichen  Kräften  erfasst  jede  einzelne  speciell
eine  Gattung  des  sinnlich  Wahrnehmbaren,  wie  wir  oben  dartliaten.  Die
Sehkraft  erfasst  weder  den  Schall,  noch  den  Geschmack,  noch  Geruch,
noch  Tastbares,  sondern  nur  Farben  u.  s.  f.‘  (Dieterici,  Anthropologie
S.  38).
2  Auch  Abraham  ihn  Daud  erklärt  die  Unmöglichkeit,  Gottes  Einheit  ganz
zu  erfassen,  aus  einer  in  der  Naturanlage  begründeten  Schwäche  unseres
Verstandes,  der  die  Erhabenheit  des  göttlichen  Wesens  ebensowenig  zu
begreifen  vermöge,  wie  die  Fledermaus  in  die  Sonne  sehen  kann.  Doch
ist  Abraham  ibn  Daud  strenger  Aristoteliker  und  auch  an  dieser  Stelle
(Ein.  ram.  S.  53),  wo  auch  der  Philosoph  erwähnt  wird,  hat  er,  wie  ich
in  meiner  Darstellung  seiner  Attributenlehre  zeige,  eine  Stelle  aus  dev
Metaphysik  (II,  1)  für  seinen  Zweck  verwendet.
            
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