Die Kosmologie und Naturlehre des scholastischen Mittelalters.
399
mittelbar das Leben des Leibes wäre, unter welcher Voraussetzung
sie ja gär nicht eine vom Leibe verschiedene Wesenheit
sein könnte, wie doch die unsterbliche Menschenseele
gewiss ist. Von der menschlichen Seele als Vitalprincip des
menschlichen Leibes kann man nur insofern sprechen, als sie
eine das leibliche Gebilde umgreifende und continirende Macht
ist, aus deren Bereich herausgerückt der Leib den Grund und
Zweck seines Bestandes verliert, den er zunächst wohl in sich
selber, zuhöchst aber in jenem seelischen Principe hat, dem er
als Substrat und Vehikel der sinnlich-leiblichen Selbstdarstellung
eignet. Ein directer und unmittelbarer Belebungseinfluss
der Seele auf den Leib soll damit nicht in Abrede gestellt
werden, obwohl er nicht so weit ausgedehnt werden darf, dass
durch ihn das relative Selbstleben des Leibes aufgehoben
würde; auch kann er bei dem factisch bestehenden innerlichen
Bruche des zeitlich-irdischen Menschenwesens, welcher den früher
oder später erfolgenden zeitlichen Leibestod zur unausweichlichen
Folge hat, nur ein sehr relativer und bedingter Einfluss sein,
der nur zeitweilig, unter gewissen Beziehungen und in gewissen
einzelnen Menschen merkbar hervortreten dürfte. Wilhelm
advertirt nicht auf einen derartigen Einfluss, und entzieht sich der
Nothwendigkeit, über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit desselben
sich zu äussern, dadurch, dass er die Körperlehre von
rein physikalischem Standpunkte behandelt. Die von ihm angenommene
vis vitalis ist eine rein physikalische Potenz, die
zum Wesen eines lebendigen Körpers als solchen gehört, und
auch im menschlichen Embryo vorhanden ist, in welchen, wie
Wilhelm für wahrscheinlich hält, die Seele erst dann, wenn er
vollkommen gebildet und gegliedert ist, eintritt. 1 Dass Wilhelm
bei einer derartigen Ansschauungsweise kein Traducianer
sein könne, wäre auch dann vollkommen gewiss, wenn er es
nicht ausdrücklich versichern würde; er fügt aber dieser Versicherung
noch jene andere hinzu, dass er, weil er nicht Aka-1
Wilhelm scliliesst dies aus der in dev lateinischen Uebersetzung des
Chalcidius von ihm gelesenen Stelle des Platonischen Timäus: Apparatae
materiae irrigno et fluido corpori eircumligabant cireuitum animae. (Es
ist nämlich die Rede von den auf Geheiss des höchsten Gottes den
Monschenkörper bildenden TTntergöttern: ra? Tfjs aOavavou 'tuy-/(c Tispiöoou?
sveSouv 6e; ijuppuiov aoiua xai cbiop^urov. Timaeus p. 43 A.)