Die Kosmolgie und Naturlehre dos scholastischen Mittelalters.
395
sowohl, als auch der Gegenstände rings um ihn, in sich aut;
die Bilder bleiben 'unsichtbar, wenn die luftartige Substanz auf
einen rauhen, dunklen, oder auf einen allzusehr glänzenden
Gegenstand stösst, werden hingegen auf einer glatten, polirten
und zugleich undurchsichtigen Fläche sichtbar. Damit ist nach
Wilhelm das Phänomen der Spiegelung erklärt. Er führt
nebstbei noch die Meinung Anderer an, 1 welche behaupten,
dass im Spiegel kein Bild sei, sondern der Mensch durch
Vermittelung des Spiegels nur sich selber erblicke, indem
nämlich die von der Spiegelfläche repercutirten Sehstrahlen
gegen denjenigen, von dessen Augen sie ausgegangen, zurückgeworfen
werden, und die Bilder des Sehenden und anderer
neben demselben befindlichen Gegenstände, auf welche sie
repercutirt werden, in sich aufnehmend, zum Sehorgan wieder
zurückgelangen. 2 Dass viele Thiere im Dunkeln und in der
Nacht besser sehen, als am Tage und in der Helle des Lichtes,
kommt daher, dass in ihren Augen die wässerige Feuchtigkeit
im Uebermass vorhanden ist. Bei der Nachteule, deren Auge
feurig ist, muss jene Eigenschaft daraus erklärt werden, dass
die Eule, die aus Furcht vor den übrigen sie hassenden Vögeln
sich stets im Dunklen und Verborgenen hält, sich an das Sehen
im Finsteren gewöhnt hat, während ihr Auge an die Tages-1
In seinen Elementis philosophiae (LiIj. IV) bezeichnet Wilhelm diese
zweite Erklärung als die aristotelische: Aristoteles dixit, nullam ibi (seil,
in speculo) apparere imaginem. sed hominem se et posteriora videre tali
modo: Cum praedictus Spiritus aliquod radiosum offondat, radiis illius
elisus repercutitur, reversusque ad faciem videntis ipsum et posteriora
percipit. Sed quia mediante speculo hoc contingit, videtur hoc in speculo
apparere.
2 Beide von Wilhelm erwähnten Erklärungsweisen werden in S e n e c a ’ s
Quaestt. Nat. I, 5 zur Sprache gebracht: De speculis duae opiniones
•sunt. Alii enim in illis simulacra cerni putant i. e. corporum nostrorum
figuras a nostris corporibus emissas et separatas, alii non imagines in
speculo , sed ipsa asplci Corpora retorta oculorum acie et in se rursus
reflexa. Die erste der beiden Ansichten wird freilich von Seneca so dargestellt,
dass das von Wilhelm in Subst. phys. VI, p. 200 betonte specifisch
Platonische darin verwischt erscheint. Dies ist aber auch in der bei Wilhelm
Eiern, philös. 1. c. wiedergegebenen Variante dieser Ansicht der
Pall: Sunt qui dicunt aera inter hominem et speeulum diversis formis
insignitum et coloribus; unde si aliquid opponatur, splendidum appareat,
sive contrario, non.
\m