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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 75. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Kosmologie  und  Naturlehre  des  scholastischen  Mittelalters.

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im  entgegengesetzten  Falle  würde  die  Sehkraft  ausserhalb  des
Sehorgans  verlegt.  Wollte  man  aber  sagen,  dass  die  Sehkraft
innerhalb  des  Sehorgans  sei,  und  auch  nicht  der  Sehstrahl,  sondern
die  Luit,  durch  welche  er  geht,  vom  Gegenstände  der  Gesichtswahrnehmung ­
  immutirt  werde,  so  käme  man  bereits  der  Meinung ­
  des  Aristoteles  ziemlich  nahe,  nur  dass  dieser  keine  vom
Auge  ausgehende  Sehstrahlung  zugibt,  sondern  vielmehr  durch
das  in  der  Luft  befindliche  und  zum  Auge  reflectirte  Licht  die
Sinnesaffection  dos  Auges  vermittelt  werden  lässt.  Aristoteles
verwirft  die  Meinung  der  Platoniker  von  der  feurigen  Lichtnatur ­
  des  Auges,  und  behauptet  das  conträre  Gegentheil  davon;
nach  ihm  ist  das  Auge  als  Sehorgan  wesentlich  ein  wässeriger
Körper,  und  insoweit  es  wässerig  ist,  auch  kalt.  Diese  Beschaffenheit ­
  des  Auges  ist  gefordert  zufolge  der  im  Acte  des
Sehens  ihm  zukommenden  Functionen.  Das  Auge  soll  die
durch  das  Medium  der  Luft  ihm  übermittelten  Licht-  und
Farbeneindrücke  in  sich  aufnehmen.  Dies  ist  nur  unter  der
Bedingung  möglich,  dass  das  Auge  für  jene  Eindrücke  ebenso
empfänglich  sei  wie  die  Luft.  Die  Luft  ist  zufolge  ihrer  Durchsichtigkeit ­
  befähigt,  die  species  visibiles  der  sichtbaren  Gegenstände ­
  in  sich  aufzunehmen;  also  muss  auch  das  Auge  etwas
Durchsichtiges  in  sich  schliessen.  Durchsichtig  sind  jedoch
nur  Luft  und  Wasser;  dabei  hat  das  Wasser  die  Fähigkeit,
sowohl  den  actus  luminis,  der  die  Farben  erscheinen  macht,
als  auch  die  species  visibiles  der  Gegenstände  besser  zu  behalten ­
  als  die  Luft,  welche  die  species  einfach  durch  sich  hindurchgehen ­
  lässt.  Das  Auge  soll  das  durch  Vermittelung  der
Luft  Recipirte  eine  kleine  Weile  retiniren,  bis  der  recipirte
Eindruck  von  der  Seele  advertirt  worden  ist;  demzufolge  muss
das  Auge  in  jenem  Theile  seiner  selbst,  in  welchem  es  das
Bild  des  Gegenstandes  in  sich  aufnehmen  soll,  wässeriger
Natur  sein  (Krystalllinse,  Glasfeuchtigkeit).  Luft  und  Auge
recipiren  die  sensiblen  Formen  der  Objecte  als  unkörperliche
Formen  (secundum  esse  spirituale),  deren  Erscheinen  in  Luft
und  Auge  durch  das  Licht  erwirkt  wird.  Man  hat  nämlich
ein  doppeltes  Sein  der  Farben  zu  unterscheiden,  ein  esse  materiale ­
  und  ein  esse  formale;  das  erstere  ist  das  Sein  der  Farbe
Ergo  visibile  tangens  nnnmtat  radium,  et  radius  tangens  immutat  oeulum;
et.  sie  radius  patitur,  quod  absurdum  est  dicere.  O.  c.  II,  tr.  I,  qu.  21.
            
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