Rundung Wilhelm in der Weise des Platonischen Timäus erklärt.
1 Dem Cranium liegen inwendig zwei Häute an, die
mater dura, aus welcher die nach rückwärts gehenden Bewegungsnerven
entspringen, und innerhalb der mater dura die
mater pia, weich und zart, aus welcher die Sinnesnerven auslaufen.
Innerhalb dieser Häute ist das Gehirn, nach Constantinus
2 eine weisse, flüssige, blutlose Substanz, die ihrer Natur
nach kalt und feucht ist, und durch die Körperwärme nicht
ausgetrocknet werden kann. Das Gehirn hat drei Kammern,
die vordere, mittlere, hintere. Die vordere Kammer, mit warmtrockenem
Gehirn, heisst phantastica, weil in ihr die Seele
sieht und erkennt; 3 die Trockenwärme des Vordergehirns soll
die Formen und Farben der Dinge attrahiren. In der mittleren
Kammer, die ein temperirtes Gehirn hat, unterscheidet die
Seele die durch den Gesichtssinn apercipirten Dinge; sie heisst
darum logistica oder rationalis. Die hintere Kammer heisst
memorialis. Dieselbe ist durch ein Loch mit der mittleren
verbunden, aus welcher das in die zweite Kammer Aufgenommene
in die dritte hinübergesendet wird; das Loch hat einen
Verschluss (caruucula), welcher sich öffnet, wenn etwas hindurchgelassen
werden soll. Das Gehirn der Hinterkammer ist
trockenkalt, um zu constringiren und zu retiniren. Hätte die
Hinterkammer ein feuchtes Gehirn, so wäre das Gedächtniss
schlecht (memoria humida vel madida). Wäre das Gehirn der
Mittelkammer distemperirt, so wäre der Mensch blöde oder
und vom Spiritus spii itualis, der im Herzen erzeugt wird, und aus welchem,
indem er zum Gehirne aufwärts geleitet wird, der Spiritus animalis
sich erzeugt. Darin stimmt Wilhelm mit Constantin überein, nur restringirt
er den Gebrauch des Wortes Spiritus. Auch darin stimmt Wilhelm
mit Constantin zusammen, dass dieser Spiritus cerebri das Instrument
der denkhaften Seelenthätigkeit sei. Dicunt quidam — heisst es
bei Constantin 1. c. — liunc spiritum cerebri esse animam, et eandem
corpoream. Alii dicunt. animae esse instrumentum; qui animam fatentur
incorpoream. Quorum intentio priore est melior.
1 Ingleichen auch die Entstehung des Kopfhaares, nur dass Wilhelm die
verschiedenartige Färbung desselben wieder mit seiner Lehre von den
quatuor humores in Verbindung bringt.
2 Vgl. Constantin. Comrnun. med. loc. III, 11.
a Siehe Constant. 0. c. IV. 19.