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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 75. Band, (Jahrgang 1873)

Rundung  Wilhelm  in  der  Weise  des  Platonischen  Timäus  erklärt. ­
 1  Dem  Cranium  liegen  inwendig  zwei  Häute  an,  die
mater  dura,  aus  welcher  die  nach  rückwärts  gehenden  Bewegungsnerven ­

  entspringen,  und  innerhalb  der  mater  dura  die
mater  pia,  weich  und  zart,  aus  welcher  die  Sinnesnerven  auslaufen.
  Innerhalb  dieser  Häute  ist  das  Gehirn,  nach  Constantinus
 2  eine  weisse,  flüssige,  blutlose  Substanz,  die  ihrer  Natur
nach  kalt  und  feucht  ist,  und  durch  die  Körperwärme  nicht
ausgetrocknet  werden  kann.  Das  Gehirn  hat  drei  Kammern,
die  vordere,  mittlere,  hintere.  Die  vordere  Kammer,  mit  warmtrockenem ­
  Gehirn,  heisst  phantastica,  weil  in  ihr  die  Seele
sieht  und  erkennt; 3  die  Trockenwärme  des  Vordergehirns  soll
die  Formen  und  Farben  der  Dinge  attrahiren.  In  der  mittleren
Kammer,  die  ein  temperirtes  Gehirn  hat,  unterscheidet  die
Seele  die  durch  den  Gesichtssinn  apercipirten  Dinge;  sie  heisst
darum  logistica  oder  rationalis.  Die  hintere  Kammer  heisst
memorialis.  Dieselbe  ist  durch  ein  Loch  mit  der  mittleren
verbunden,  aus  welcher  das  in  die  zweite  Kammer  Aufgenommene ­
  in  die  dritte  hinübergesendet  wird;  das  Loch  hat  einen
Verschluss  (caruucula),  welcher  sich  öffnet,  wenn  etwas  hindurchgelassen ­
  werden  soll.  Das  Gehirn  der  Hinterkammer  ist
trockenkalt,  um  zu  constringiren  und  zu  retiniren.  Hätte  die
Hinterkammer  ein  feuchtes  Gehirn,  so  wäre  das  Gedächtniss
schlecht  (memoria  humida  vel  madida).  Wäre  das  Gehirn  der
Mittelkammer  distemperirt,  so  wäre  der  Mensch  blöde  oder

und  vom  Spiritus  spii  itualis,  der  im  Herzen  erzeugt  wird,  und  aus  welchem, ­
  indem  er  zum  Gehirne  aufwärts  geleitet  wird,  der  Spiritus  animalis
sich  erzeugt.  Darin  stimmt  Wilhelm  mit  Constantin  überein,  nur  restringirt
  er  den  Gebrauch  des  Wortes  Spiritus.  Auch  darin  stimmt  Wilhelm ­
  mit  Constantin  zusammen,  dass  dieser  Spiritus  cerebri  das  Instrument ­
  der  denkhaften  Seelenthätigkeit  sei.  Dicunt  quidam  —  heisst  es
bei  Constantin  1.  c.  —  liunc  spiritum  cerebri  esse  animam,  et  eandem
corpoream.  Alii  dicunt.  animae  esse  instrumentum;  qui  animam  fatentur
incorpoream.  Quorum  intentio  priore  est  melior.
1  Ingleichen  auch  die  Entstehung  des  Kopfhaares,  nur  dass  Wilhelm  die
verschiedenartige  Färbung  desselben  wieder  mit  seiner  Lehre  von  den
quatuor  humores  in  Verbindung  bringt.

2  Vgl.  Constantin.  Comrnun.  med.  loc.  III,  11.
a  Siehe  Constant.  0.  c.  IV.  19.
            
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