Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 75. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Kosmologie  und  Naturlehre  des  scholastischen  Mittelalters.

381
menschlichen  Körpers,  deren  Gebrauch  und  Nutzen.  Ger  Mensch
entsteht  aus  dem  Samen,  der  unter  Einwirkung.  der  Wärme
die  rechte  Flüssigkeit  erlangt,  um  sich  ablösen  und  in  den
mütterlichen  Körper  übergehen  zu  können.  Die  rechte  Disposition ­
  des  Manneskörpers  zum  Zeugen  ist  also  die  warmfeuchte ­
  ;  das  Weib  ist  durch  seine  kaltfeuchte  Complexion  1
zur  Aufnahme  des  vom  Manneskörper  ausgeworfenen  Samens
qualificirt.  Die  angemessene  Jahreszeit  zum  Zeugen  ist  der
Winter  oder  Frühling;  der  Sommer  ist  ungeeignet,  weil  er
den  Körper  austrocknet  und  die  natürliche  Wärme  desselben
verzehrt,  das  Gleiche  gilt  vom  Herbste.  Der  Zeugungsame
ist  aus  der  Substanz  aller  Glieder  des  zeugenden  Körpers  gezogen; ­
  Beweis  dessen  ist,  dass  Podagra  und  Chiragra  durch
Zeugung  sich  vererben.  Der  an  der  rechten  Seite  der  matrix 2
sich  bildende  Fötus,  der  durch  die  Nähe  der  Leber  erwärmt
wird,  bildet  sich  zum  männlichen,  der  auf  der  kalten  Linkseite ­
  gelegene  zu  einem  weiblichen  Organismus  aus.  In  den
zwei  mittleren  Zwischenlagen,  deren  eine  an  die  rechte,  die
andere  an  die  linke  Seite  grenzt,  entstehen  weibische  Männer
und  männische  Weiber.
Die  in  der  Ausbildung  der  Fötus  successive  hervortretenden ­
  Kräfte  sind  die  vis  concoctiva,  informativa,  assimilativa,
concavativa,  pascitiva.  Die  Matrix  bildet  zuerst  einen  Follikel,
der  den  Fötus  einschliesst.  Am  siebenten  Tage  erscheinen
Blutstropfen  an  der  Oberfläche  des  Follikels, 3  in  der  dritten
Woche  senken  sie  sich  zum  humor  conceptionis  hinab;  in  der

1  Von  dieser  kaltfeuchten  Complexion  des  Weibes  ist  bei  Macrobius  Saturn.
VII,  7  die  Rede;  aus  derselben  werden  ebendaselbst  die  Menstruen  der
Weiber  erklärt.  In  ähnlicher  Weise  heisst  es  bei  Wilhelm  (Subst.  phys.
VI,  p.  244):  Cum  mulier  naturaliter  frigida  sit,  perfecte  cibuin  decoquere
non  potest,  remanentque  superfluitates  quaedain,  quas  natura  per  singulos
menses  expellit,  unde  nominantur  menstrua.  Sed  facta  conceptione  calor
ex  foetu  augetur  etc.
2  Matrix  habet  septem  cellulas  -  heisst  es  Subst.  phys.  VI,  p.  241  —
humana  figura  ad  modum  monetae  impressas;  inde  est  quod  septem,  non
plures  mulier.  uno  lecto  potest  parere.
3  Wilhelm  führt  als  Gewährsmann  für  diese  Thatsache  in  seiner  grösseren
Schrift  Straton,  in  den  Element.is  philosophiae  aber  Macrobius  an,  aus
welchem  er  (vgl.  Macrob.  Somn.  Scib.  I,  6)  eben  Stratons  Angabe  kennen
lernte.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.