Die Kosmologie und Natuvlehre des scliolastischon Mittelalters.
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keit zu mindern; sobald einmal die Hälfte seiner Scheibe
beleuchtet ist, fängt er sogar an, Wärme zu strahlen, wodurch,
wie durch die Erwärmung eines Wassers im Topfe,
abermals eine Hebung des Meeres bewirkt wird. Wie aber
der Mond dem letzten Viertel sich zuneigt, sinkt die Vollmondsfluth,
und tritt Ebbe ein, die erst mit dem Heranrücken
eines abermaligen Neumondes wieder in Hochfluth übergeht.
Diese letztere Auseinandersetztung gibt sich als eine aus den
selbsteigenen physikalischen Principien Wilhelms geschöpfte
Erklärung einer Thatsache, für welche Makrobius als Gewährsmann
angeführt wird; 1 aber auch seine Ableitung des Phänomens
der täglich wiederkehrenden Fluth und Ebbe ist aus
Makrobius 2 entlehnt, und verräth ihre Quelle durch eine mitunter
wortgetreue Uebereinstimmung mit dem Texte des benützten
Autors. Es ist von Interesse, die von Wilhelm gegebenen
Erklärungen mit jenen seiner Vormänner Isidor und Beda zu
vergleichen. Isidor, der aus Solinus, Ambrosius und anderen
Quellen verschiedene Meinungen der Alten über die Ursachen
der Fluth und Ebbe anführt, 3 verzichtet auf die Möglichkeit
einer Erklärung derselben; 4 Gott allein wisse, ob sie durch
submarine Windgeister aus dem Erdinnern, also gleichsam
durch eine Athmungsbewegung dos Erdkörpers, 5 oder durch
den Einfluss des Mondes,oder durch eine Anziehung von
1 Maerobius dicit, in septem primis diebus lunationis fiuctus oeeani decrescere,
in aliis septem erescere, in septimana tert.ia decrescere, in
quarta erescere. Mit diesen Worten ist auf Macrob. Somn. Scip. I, c. 0
hingewiesen.
2 Vgl. Macrob. Somn. Scip. II, c. 9.
•’ Rer. Nat., c. 40.
4 Noch ein Geograph des 17. Jahrhunderts (Riccioli) erklärte dieses Problem
für ein sepulchrum humanae curiositatis. Vgl. Peschei, Gesell, d. Erdkunde
S. 391.
5 Isidor citirt diese Ansicht aus Solinus Polyh. XXIH, 21: Sicut in corporibus
nostris commercia sunt spiritualia, ita in profundis oeeani nares
quasdam mundi constitutas, per quas emissi anhelitus vel reducti modo
inflent maria modo rovocent. (Man vgl. liiemit, Seneca Q. N. II, 1;
III, 15. Plutarch PI. ph. IV, 22.)
0 Quidam pliilosophorum volunt, ait, Ambrosius, cum augmento lunari
erescere oc.eanuin et tanquam ejus quibusdam spirationibus retrorsum
trähatur et iterum ejusdem impnlsu ac retractu in mensuram propriam
refundatur. R. N., c. 40.