Die Kosmologie und Naturlehre des scholastischen Mittelalters.
363
sich findet, lautet anders, und ist, soweit darin Ansichten des
Alterthums reproducirt werden, auf Anschauungen gegründet,
welche Wilhelm entweder völlig unerwähnt lässt, 1 oder denen
er ganz abweichende Behauptungen entgegenstellt. 2 Eher lässt
sich eine relative Annäherung Wilhelms an die durch die mittelalterlichen
Perapatetiker vertretenen Anschauungen wahrnehmen.
Er hat mit Albertus Magnus wenigstens diess gemein, dass er
für die Erklärung des Donners und Blitzes das Aufsteigen
der Dünste von der Erdoberfläche zum Ausgangspunkte nimmt;
dass damit eine principielle Abweichung von den durch Isidor
und Beda vertretenen Erklärungsarten involvirt sei, werden wir
weiter unten sehen. Freilich ist Alberts Erklärung mit jener
Wilhelms nichts weniger als identisch, und führt auf eine ganz
andere Erzeugungsursache der Licht- und Schallphänomene des
Gewitters; nicht Agitation und Reibung, sondern comprimirender
Druck ist nach Albert der Hauptmotor jener Erscheinungen.
Wie schon oben bei seiner Erklärung der luftartigen Meteore
bemerkt wurde, unterscheidet er zwischen trockenen und feuchten
Evaporationen der Oberfläche des Erdkörpers; erstere
liefere die Materialursache der Winde, letztere die der wässerigen
Lufterscheinungen. Beide Arten von Evaporationen ver-1
Dahin gehört die aus Lueretius geschöpfte Erklärung- des Blitzes bei
Isidor und Beda. In dem Gedichte bei Lueretius (Ker. Nat. VI, lüO)
heisst es:
Fulgit item, nubes ignis cum semina multa
Exeussere suo concursu, ecu lapidem si
Percutiat lapis aut ferrum; nam tum quoque lumen
Exilit ot claras scintillas dissipat ignis.
Man vergleiche damit Isidor N. E. c. 30: Ajunt naturalium sCrutatores
causarum, quod ex conlisione adque adtritu nubium fulgura generentur
adinstar silicum duriorum, quos cum corapulsöMs invicem sibi, medius ex
his ignis elabitur. — Aehnlich Beda N. R., c. "29.
2 Dies gilt riicksichtlich der von Beda (N. R. c. 30) aus Plinius (Hist.
Nat. II, 50) fast wortgetreu entnommenen Erklärungen über die Ursachen,
weshalb die Blitze im Winter und Sommer selten, also eigentlich nur der
Herbst- und Frühlingswitterung angemessen seien. Dagegen sucht Wilhelm
aus den Principien seiner Elementenlehre zu deduciren, dass einzig
im Sommer das Phänomen des Blitzes zu erwarten sei, weil nur in der
heissen Zeit die feuchten Dämpfe so hoch in die Luft aufsteigen, als zur
Entstehung einer mit Donner und Blitz verbundenen Wolkenentleerung
nöthig sei.