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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 75. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Kosmologie  und  Natuiielire  des  scholastischen  Mittelalters.

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In  der  Erklärung  der  Planetenbewegungen  lehnten  sich
die  mittelalterlichen  Kosmophysiker,  wie  sonst  überall  in  der
Astronomie  und  Physik,  an  die  Auctoritäten  und  Ueberlieferungen
des  Alterthums  an.  Im  Sinne  der  Alten  bemerkt  Beda,  1  die
Bezeichnung  ,Irrsterne'  erkläre  sich  daraus,  dass  die  Planeten
eine  der  täglichen  Drehung  des  Himmels  entgegengesetzte
Richtung  von  West  nach  Ost  verfolgen,  obschon  sie  nebstbei
dem  Bewegungszuge  des  Fixsternhimmels  von  Ost  nach  West
sich  nicht  zu  entziehen  vermöchten.  In  ihrer  conträren  Bewegungsrichtung ­
  erscheinen  sie  wegen  der  Schiefe  des  Thierkreises, ­
  bald  tiefer  bald  höher  stehend;  nebstdem  wirke  auf
sie  die  Zugkraft  der  Sonnenstrahlen  und  mache,  dass  sie  bald
retrograd,  bald  wenigstens  stationär  erscheinen. 2  In  dieser
Weise  sucht  sich  also  Beda  aus  dem  doppelten  Verhältniss  der
Planetenbahn  zum  Thierkreise  und  zur  Sonneneinwirkung  jene
Bewegungen  zurechtzulegen,  welche  das  Alterthum  von  seinem
geocentrischen  Standpunkte  aus  durch  die  Theorie  der  Epicykel
erklärte;  seine  näheren  Ausführungen  hierüber  sind  aus  der
Naturgeschichte  des  Plinius  entlehnt.  Wie  Beda,  nimmt  auch
Wilhelm  von  Conches 3  eine  der  täglichen  Bewegung  des  Firmamentes ­
  entgegengesetzte  Bewegung  der  Planeten  als  deren
natürliche  Bewegung  an,  und  sieht  in  ihr  eine  den  Bestand
und  das  Leben  der  irdischen  Welt  schützende  Vorkehrung;
bewegten  die  Planeten  sich  in  gleicher  Richtung  mit  dem  Firmamente, ­
  so  würde  der  Umschwung  dos  Himmels  mit  solcher
Sane  aether  est  ipsum  elementum,  aethra  vero  splendor  aetheris  est
(Univ.  IX,  4).  Diese  Stellen  legen  unzweideutig  dar,  dass  Albert  nur
durch  eine  umdeutende  Exegese  die  von  ihm  oitirte  Stelle  Hrabaus  über
die  Siebenzahl  der  Himmel  seiner  aristotelischen  Kosmologie  anzupassen
vermag.  Nebenbei  wird  man  allerdings  auch  das  Unbestimmte  in  der
Auffassungsweise  Hrabans,  die  eine  solche  Umdeutung  zulässt,  nicht  verkennen ­
  können.
1  Nat.  rer.  cc.  12  ff.
2  Radns  autem  solis  praepedita  anomala  vel  retrograda  vel  stationaria  fiunt.
Wörtlich  dasselbe  ist  bei  Isidorus  (Nat.  rer.  c.  22  und  Origg.  III.  65,  3)
zu  lesen,  mit  dem  Zussatze:  Juxta  quod  et  poeta  mominit,  dicens  :
—  —  —  —  sol  tempora  dividit  aevi,
Mutat  nocte  diem  radiisque  potentibus  astra
Ire  vetat,  cursusque  vag'os  statione  moratur.
(Lucan.  Pharsal.  X,  201  seq.)
3  Subst.  phys.,  lib.  IV.
            
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