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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Aralseefrage.

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Larius. 1  Er  nennt  also  den  Genfer-  und  Bodensee  nicht.  Weil
sie  nicht  existirten  ?  Weil  er  sie  nicht  gesehen  hatte,  weil  seine
Erkundigungen  ihn  nicht  mit  ihnen  bekannt  gemacht  hatten,
weil  die  Kenntniss  des  südlichen  Seegürtels  die  der  nördlichen
Seen  nicht  nothwendig  zur  Folge  hat.
Zu  diesen  Gründen  des  ,verdächtigen  Stillschweigens'  in
Betreff  des  Aralsees  gesellt  sich  aber  noch  ein  positives  Zeugniss,
  das  einzige  freilich,  das  überhaupt  aufgebracht  werden
kann.  Es  ist  dies  eine  Beschreibung  von  Chorasän,  verfasst
von  einem  Ungenannten  um  das  Jahr  1418  in  persischer  Sprache;
sie  soll  nach  Sir  Henry  Rawlinson,  der  die  Handschrift  für
seinen  Gebrauch  ausgezogen  hat,  von  genauer  Detailkenntniss
der  beschriebenen  Landschaft  zeugen.  So  lange  uns  dieselbe
nicht  ihrem  ganzen  Inhalte  nach  vorliegt,  sind  wir  ausser  Stande,
in  dieses  Urtheil  einzustimmen,  oder  auch  dasselbe  anzufechten.
Es  leuchtet  aber  Jedem  von  selbst  ein,  dass  ein  Schriftsteller
sehr  genau  über  die  Geographie  seiner  Heimath  unterrichtet
sein  und  dabei  die  unrichtigsten  Vorstellungen  über  Länder  besitzen ­
  kann,  die  hundert  und  mehr  Meilen  von  ihm  entfernt  sind
und  über  die  es  bis  in  die  neueste  Zeit,  als  Europäer  von
wissenschaftlicher  Bildung  sie  zu  untersuchen  in  die  Lage  kamen,
immer  nur  höchst  ungenaue,'unzusammenhängende  Nachrichten
gegeben  hat.
Ueber  die  schwebende  Frage  enthält  die  Handschrift  drei
Stellen,  oder  Rawlinson  wenigstens  führt  nur  drei  daraus  an,  die
an  Bestimmtheit  wenigstens  gewiss  nichts  zu  wünschen  übrig
lassen. 2  Zwei  davon  betreffen  den  Oxus,  von  welchem  es  nun
heisst:  ,In  allen  alten  Büchern  wird  der  See  Charizm  als  Aufnahmsbecken ­
  des  Oxus  geschildert,  aber  jetzt,  d.  i.  im  Jahre  820
(1417  n.  Chr.)  besteht  der  See  nicht  mehr,  denn  der  Dschihun
hat  sich  einen  eigenen  Weg  in  das  caspische  Meer  gebahnt,
wo  er  bei  einem  Orte  Karlawn  einmündet',  und  weiter  unten
lesen  wir  ,es  wird  in  allen  alten  Büchern  erwähnt,  dass  von
diesem  Punkte  aus  (den  Punkt  selbst  nennt  aber  leider  Rawlinson ­
  nicht)  der  Dschihun  nach  dem  See  von  Charizm  abzweigt
und  in  denselben  mündet;  heute  aber  besteht  der  See  nicht

1  Bei  Strab.  S.  208.
2  Proceedings  of  the  B.  Geographical  Society.  London  1867.
            
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