Die Aralseefrage.
245
Larius. 1 Er nennt also den Genfer- und Bodensee nicht. Weil
sie nicht existirten ? Weil er sie nicht gesehen hatte, weil seine
Erkundigungen ihn nicht mit ihnen bekannt gemacht hatten,
weil die Kenntniss des südlichen Seegürtels die der nördlichen
Seen nicht nothwendig zur Folge hat.
Zu diesen Gründen des ,verdächtigen Stillschweigens' in
Betreff des Aralsees gesellt sich aber noch ein positives Zeugniss,
das einzige freilich, das überhaupt aufgebracht werden
kann. Es ist dies eine Beschreibung von Chorasän, verfasst
von einem Ungenannten um das Jahr 1418 in persischer Sprache;
sie soll nach Sir Henry Rawlinson, der die Handschrift für
seinen Gebrauch ausgezogen hat, von genauer Detailkenntniss
der beschriebenen Landschaft zeugen. So lange uns dieselbe
nicht ihrem ganzen Inhalte nach vorliegt, sind wir ausser Stande,
in dieses Urtheil einzustimmen, oder auch dasselbe anzufechten.
Es leuchtet aber Jedem von selbst ein, dass ein Schriftsteller
sehr genau über die Geographie seiner Heimath unterrichtet
sein und dabei die unrichtigsten Vorstellungen über Länder besitzen
kann, die hundert und mehr Meilen von ihm entfernt sind
und über die es bis in die neueste Zeit, als Europäer von
wissenschaftlicher Bildung sie zu untersuchen in die Lage kamen,
immer nur höchst ungenaue,'unzusammenhängende Nachrichten
gegeben hat.
Ueber die schwebende Frage enthält die Handschrift drei
Stellen, oder Rawlinson wenigstens führt nur drei daraus an, die
an Bestimmtheit wenigstens gewiss nichts zu wünschen übrig
lassen. 2 Zwei davon betreffen den Oxus, von welchem es nun
heisst: ,In allen alten Büchern wird der See Charizm als Aufnahmsbecken
des Oxus geschildert, aber jetzt, d. i. im Jahre 820
(1417 n. Chr.) besteht der See nicht mehr, denn der Dschihun
hat sich einen eigenen Weg in das caspische Meer gebahnt,
wo er bei einem Orte Karlawn einmündet', und weiter unten
lesen wir ,es wird in allen alten Büchern erwähnt, dass von
diesem Punkte aus (den Punkt selbst nennt aber leider Rawlinson
nicht) der Dschihun nach dem See von Charizm abzweigt
und in denselben mündet; heute aber besteht der See nicht
1 Bei Strab. S. 208.
2 Proceedings of the B. Geographical Society. London 1867.