236
R o e s 1 e r.
oder Südosten kommenden Gewässer von der Stadt abhielt.
Es ist auch klar, dass eine ganz geringe Ablenkung genügte, um
die Gräben von Urgendsch trocken zu legen, denn dies beabsichtigte
man, nicht aber, wie wir oben lasen, die Wälle zu
unterwaschen und zu zerstören. Da die Mongolen sich darum
nicht zu kümmern hatten, wohin der Wasserarm floss, wenn
er nur nicht die Gräben von Urgendsch füllte, so war eine
augenblickliche Ueberschwemmung des nahen Gebietes von
Urgendsch die Folge, eine Ueberschwemmung, die sogleich ein
Ende nahm, als die Urgendscher die Störung, welche die Mongolen
in den Wasserzufluss gebracht hatten, beseitigen konnten. Und
dies thaten sie, sobald sie sich nach dem furchtbaren Schicksal
der Einnahme, des Gemetzels und der Plünderung wieder zu erholen
anfingen; denn das Wasser, an dem sie wohnten, war ihre
Lebensader, der Quell, der ihre Felder tränkte und befruchtete.
Oder meint man, dass eine Bevölkerung, über deren
Menge ein Jahrhundert später Ibn Batuta staunte, den Damm,
der sie vom belebenden Strome des süssen Wassers absperrte,
nicht wieder zerstört hat? Urgendsch müsste ja, wenn die Ablenkung
seines Wassers eine dauernde geblieben wäre, völlig
verfallen sein. Es war aber nicht nur noch 1272 die Residenz
von Chorasmien, wie wir aus Wassäf ersehen, 1 sondern noch
1340 ein blühender Handelsplatz, wo die Karawanen wie vor
Jahrhunderten eintrafen. Noch wurde damals keine Abnahme
bemerkt. Nur menschliche Wuth konnte ihm einen neuen
furchtbaren Schlag versetzen. Aber selbst die Zerstörung durch
Timur 1388 hat es überdauert; wiederaufgebaut, erlangte es seine
frühere Bedeutung allerdings nicht mehr. Anthony Jenkinson
fand es 1559 in elendem Zustande. Eine neue letzte Zerstörung
erfuhr der Ort durch die Kalmüken. Seitdem liegt es in Ruinen;
so fand es Thompson 1740. Den Namen zu retten, hat man
südöstlich eine neue Gründung gemacht (Jengi-Urgendsch),
doch die Rolle eines politischen Centrums in der Oase, eines
Brennpunkts des östlichen Handels, ging an das jüngere Chiwa 2
1 S. 154 bei Hammer.
2 Der Grund der Aufnahme von Chiwa deutet Wassaf mit deu Worten an,
dass es der Uebergang aus Chowarezm ist. S. 141:
Chiwa liegt am südlichen Rande der Oase gegen die