Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

218

Roesler.

skythischen  oder  sakischen  Umwohnern  geführt,  können  wir
uns  wol  vorstellen;  er  hiess  eben  der  ,See‘  schlechthin,  wozu
ihn  seine  Dimensionen  wohl  berechtigten.  So  heissen  ihn  denn
auch  die  Kirgisen  noch  jetzt  den  See  (denghiz).  Als  die
Chorasmier  in  ihrer  reichgesegneten  Culturoase  in  Aufnahme
kamen,  nannte  man  ihn  wohl  bald  nach  ihnen  den  See  der
Chorasmier;  es  ist  die  häufigste  Bezeichnung  geworden  in  der
gesammten  Literatur  der  Araber  und  Perser  (bahr  Chowarezm,
derjäji  Chärezm). 1  Als  später  die  Stadt  am  Oxus  Gorgandsch  zu
Reichthum  gelangte  und  ein  blühender  Handelsplatz  wurde,
nannten  arabische  Schriftsteller  den  See  auch  den  See  von
Glorgandsch  oder  Dschordschania.
Die  Russen  haben  den  See  das  blaue  Meer  (Sinoje  more)
genannt,  das  übrige  Europa  hat  die  Benennung  Aralsee  ausschliessend
  in  Gebrauch.  Sie  stammt  vom  kirgisischen  Worte
aräl,  Insel,  aber  die  Kirgisen  nannten  den  See  nicht  darum  so,
weil  sich  einige  Inseln  in  ihm  finden,  wie  die  gewöhnliche  Erklärung ­
  geht,  sondern  weil  der  See  an  der  von  den  Armen
des  Oxus  gebildeten  Deltainsel,  der  Insel  schlechthin,  dem
Lande  Aral  gelegen  ist.  Die  Einwohner  desselben  nennen  sich
auch  Aralen. 2
Betrachten  wir  nun  die  Ansicht,  nach  welcher  der  Aralsee ­
  von  Zeit  zu  Zeit  ganz  verschwinden  soll. 3  Sie  wird,  wie
wir  schon  bemerkt,  gefolgert  aus  dem  Stillschweigen  der
Alten.  Die  Schlüsse  aus  diesem,  so  beliebt  sie  sind,  gehören,
wie  sich  kein  besonnener  Urtheiler  verhehlen  kann,  zu  den
heikelsten  aller  und  erfordern  ganz  besondere  Vorsicht.  Man
darf,  wie  ich  meine,  aus  dem  Stillschweigen  der  Alten  über

1  Vgl.  Basiner  S.  171.
2  Vämbery  (Hist,  of  Bokhara.  Introduct.  XXII)  kämpft  für  die  moderne,  im
Lande  selbst  herrschende  Aussprache  Chärizm,  Chärezm  gegen  die  übliche ­
  europäische,  den  Buchstaben  folgende  Chowarezm.  Merkwürdig
harmonirt  die  griechische  Schreibung  Xtopaorpaoi  mit  diesem  Chärezm  aus
Chworezm;  Xcopaauioi  schrieb  man  aber  wol  für  Chworasmioi,  das  griechischem ­
  Ohr  widerstrebte.
3  Sir  Henry  C.  Rawlinson  in  den  Proceedings  of  the  R.  Geographical  Society ­
  1867  Vol.  XI,  S.  114  ff.  Die  Einwendungen  Sir  Roderich  Murchisons
a.  a.  O.  S.  203—216.  Journal  XXXVn,  S.  CXXXIY-CXLVI.  Friedrich
von  Hellwald,  Ausland  1872,  S.  319—324.  Die  Russen  in  Centralasien.
Wien  1869.  S.  13.  2  Aufl.  Augsburg  1873.  S.  18—28.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.