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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Araleeefrage.

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trinkbarem  Wasser  —  eigentlich  durchaus  versagt  hat.  Auch
während  der  höchsten  Handelsblüthe  des  Reichs  von  Chowarezm,
welche  selbst  ein  Wüterich  wie  Tschingizchan  nicht  ganz  zu
knicken  vermochte,  damals,  als  die  Hauptstadt  ihre  Bewohner  nach
Hunderttausenden  zählte,  hat  der  Verkehr  von  diesem  grossen
Wasserspiegel  keinen  Vorth  eil  gezogen.  Niemals  durchfuhr  ihn
das  Steuer  eines  Kauffahrers  und  seine  Vergangenheit  ist  wie
ein  unbeschriebenes  Blatt.  Erst  in  den  Händen  Russlands  gewinnt
er  eine  Zukunft,  die  Dampfer,  welche  ihn  unter  dieser  Flagge
durchschneiden,  sind  die  ersten  Schiffe,  welche  den  Schaum
seiner  blauen  Wogen  erregen.
Der  See  empfängt  ausser  den  beiden  Flüssen  keine  anderen ­
  Einströmungen,  der  Niederschlag  aus  der  Atmosphäre  ist
in  dem  ganzen  Gebiete  ein  sehr  geringer,  vielleicht  darf  die
Zahl,  welche  diesem  Zuwachse  eine  jährliche  Schichte  von  9"
zuschreibt,  für  zu  hoch  gegriffen  gelten.  Die  Menge  des  Wassers,
welche  der  Oxus  und  Jaxartes  in  den  See  werfen,  ist  dagegen  eine
sehr  ansehnliche;  doch  dürften  die  Ziffern,  welche  dieselbe  zum
Ausdruck  zu  bringen  trachten,  nicht  für  verlässlich  gelten.  Für
den  Jaxartes  wird  die  Wassermenge  auf  1900  Millionen  Cubikfuss,
  für  den  Oxus  auf  1500  Millionen  Cubikmeter  berechnet.
Ohne  Verdunstung  müsste  die  Seefläche  um  eine  ansehnliche
Wasserschnitte  (1'  7"?)  jährlich  zunehmen,  aber  die  Verdunstung
muss  bei  der  unbedingten  Herrschaft,  welche  der  trockene  Nordostpassat ­
  in  neun  Monaten  des  Jahres  ausübt,  eine  sehr  energische
sein.  Ob  nun  der  Verdampfungsverlust  den  jährlichen  Zufluss
übersteigt,  darf  noch  nicht  für  ausgemacht  gelten,  wenngleich
es  sehr  wahrscheinlich  ist. 1  Wäre  dies  der  Fall,  so  würde  der
See  an  einer  Abmagerung  leiden,  deren  Grenze  erst  dann  erreicht ­
  würde,  wenn  der  Umfang  des  Sees  keine  den  Zuwachs
überbietende  Verdunstung  zuliesse.  Jedenfalls  zehrte  er  gegenwärtig ­
  nicht  mehr  an  dem  Grundvermögen,  das  die  einstige
Wasserbedeckung  der  weiten  Räume  des  niederen  Nordasien
ihm  verliehen  hätte.  Welchen  Namen  der  See  bei  den  alten

1  Nach  angeblichen  Beobachtungen  ist  der  Spiegel  des  Aral  in  32  Jahren
um  11,3  engl.  Fuss  gesunken  und  in  dem  Jahrzehnt  von  1847—1858  dem
Lande  ein  Baum  von  0,3  bis  0,6  geogr.  Ml.  zugewachsen.  Petermann’s
geograph.  Mittheil.  1861,  S.  197.
            
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