Die Aralseefrage.
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Den Griechen und Römern zufolge floss demnach der
Oxus zum caspischen Meere, zufolge den Arabern der ersten
Jahrhunderte der Hidschra zum Aralsee. Dürfen wir nur
einen Augenblick etwa die Frage aufwerfen, wer von den
beiden Recht hat? Gewiss nicht; Jedermann sieht, dass diese
Fragestellung schon einen Irrthum in sich schliessen, dass sie
zu einem falschen Resultate auslaufen würde. Wir haben keinen
ausreichenden Grund, den Griechen, und eben so wenig einen,
den ältesten Schriftstellern des Islam zu misstrauen. Denn da
die Zeiten, für welche die beiden verschiedenen Behauptungen
zu gelten den Anspruch machen, weit auseinander liegen, so
ist es wol denkbar, dass eine so grosse Veränderung im Unterlaufe
des Oxus Platz gegriffen habe und der Fluss, der einst
zum Caspisee strömte, in den Zeiten, als die arabische Erdkunde
zu blühen anfing, in dem Aralsee endete. Das Ergebniss
aus der Zusammenstellung der Zeugnisse vom ersten Keimen
geographischer Wissenschaft bis zur Abfassung der Takwim
el boldän um 1321, von Herodotos bis Abulfeda lautet somit:
vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis vielleicht zum eben so vielten
n. Chr. floss der Oxus in das caspische, vom 10. bis in das 14.
in das Aralbecken. Ich sage vielleicht, weil Ammianus Marcellinus
und keiner, der nach Ptolemaeos schrieb, selbständige Nachrichten
besass und während man im Abendlande die alten Berichte
wiederholte, die Verhältnisse des unteren Oxuslaufes schon lange
geändert sein konnten. So hat ja das gesammte christliche
Mittelalter, welches auf Ptolemaeos schwor, in der That grosse
Irrthiimer festgehalten, welche von den Arabern längst widerlegt
waren. Es könnte demnach die Veränderung im Flusslauf schon
im 3. Jahrhundert begonnen haben, ohne dass uns, d. i. den
Römern, darüber eine Nachricht zukam. Eben so darf man
vermuthen, dass das was für das 10. Jahrhundert gilt, schon im
9. vollzogen war, weil nach der erwähnten Mittheilung bei
Ibn Chordädbeh, der in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts
schrieb, der Handel der Russen zu Lande über Dschordschan
nach Balch seinen Weg nahm. Wäre nämlich der Oxus
noch in das caspische Meer geflossen, so begriffe man nicht,
warum die Russen, die vorzugsweise kühne kräftige Segler
und Schiffer waren und Wasserbahnen allen anderen weitaus
vorzogen, den Landweg sollten gewählt haben, warum sie nicht
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