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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Die  Aralseefrage.

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Den  Griechen  und  Römern  zufolge  floss  demnach  der
Oxus  zum  caspischen  Meere,  zufolge  den  Arabern  der  ersten
Jahrhunderte  der  Hidschra  zum  Aralsee.  Dürfen  wir  nur
einen  Augenblick  etwa  die  Frage  aufwerfen,  wer  von  den
beiden  Recht  hat?  Gewiss  nicht;  Jedermann  sieht,  dass  diese
Fragestellung  schon  einen  Irrthum  in  sich  schliessen,  dass  sie
zu  einem  falschen  Resultate  auslaufen  würde.  Wir  haben  keinen
ausreichenden  Grund,  den  Griechen,  und  eben  so  wenig  einen,
den  ältesten  Schriftstellern  des  Islam  zu  misstrauen.  Denn  da
die  Zeiten,  für  welche  die  beiden  verschiedenen  Behauptungen
zu  gelten  den  Anspruch  machen,  weit  auseinander  liegen,  so
ist  es  wol  denkbar,  dass  eine  so  grosse  Veränderung  im  Unterlaufe ­
  des  Oxus  Platz  gegriffen  habe  und  der  Fluss,  der  einst
zum  Caspisee  strömte,  in  den  Zeiten,  als  die  arabische  Erdkunde ­
  zu  blühen  anfing,  in  dem  Aralsee  endete.  Das  Ergebniss
aus  der  Zusammenstellung  der  Zeugnisse  vom  ersten  Keimen
geographischer  Wissenschaft  bis  zur  Abfassung  der  Takwim
el  boldän  um  1321,  von  Herodotos  bis  Abulfeda  lautet  somit:
vom  5.  Jahrhundert  v.  Chr.  bis  vielleicht  zum  eben  so  vielten
n.  Chr.  floss  der  Oxus  in  das  caspische,  vom  10.  bis  in  das  14.
in  das  Aralbecken.  Ich  sage  vielleicht,  weil  Ammianus  Marcellinus ­
  und  keiner,  der  nach  Ptolemaeos  schrieb,  selbständige  Nachrichten ­
  besass  und  während  man  im  Abendlande  die  alten  Berichte
wiederholte,  die  Verhältnisse  des  unteren  Oxuslaufes  schon  lange
geändert  sein  konnten.  So  hat  ja  das  gesammte  christliche
Mittelalter,  welches  auf  Ptolemaeos  schwor,  in  der  That  grosse
Irrthiimer  festgehalten,  welche  von  den  Arabern  längst  widerlegt
waren.  Es  könnte  demnach  die  Veränderung  im  Flusslauf  schon
im  3.  Jahrhundert  begonnen  haben,  ohne  dass  uns,  d.  i.  den
Römern,  darüber  eine  Nachricht  zukam.  Eben  so  darf  man
vermuthen,  dass  das  was  für  das  10.  Jahrhundert  gilt,  schon  im
9.  vollzogen  war,  weil  nach  der  erwähnten  Mittheilung  bei
Ibn  Chordädbeh,  der  in  der  zweiten  Hälfte  des  9.  Jahrhunderts ­
  schrieb,  der  Handel  der  Russen  zu  Lande  über  Dschordschan
  nach  Balch  seinen  Weg  nahm.  Wäre  nämlich  der  Oxus
noch  in  das  caspische  Meer  geflossen,  so  begriffe  man  nicht,
warum  die  Russen,  die  vorzugsweise  kühne  kräftige  Segler
und  Schiffer  waren  und  Wasserbahnen  allen  anderen  weitaus
vorzogen,  den  Landweg  sollten  gewählt  haben,  warum  sie  nicht
Sitzungsber.  d.  phil.-liist.  CI.  LXXIV.  Bd.  I.  Hft.  13
            
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