172 Werner. Wilhelms von Auvergne Verhältniss zu den Platonikern des XII. JahrU.
ficirte Ideenlehre Platons mit einem empiristischen Realismus
vergesellschaftete, machte er sie für die Zwecke eines tiefer
dringenden Denkstrebens völlig unfruchtbar, und scheidet sich
von einem inneren, geistigen Zusammenhänge mit Plato fast
völlig ab. Jedenfalls steht er, wie der Zeit, so der Sache
nach am äussersten Ende und Ausgang der platonisirenden
Tendenzen des zwölften Jahrhunderts, und kündiget sich in
seiner häufigen Bezugnahme auf Aristoteles als Vorboten der
peripatetischen Scholastik an. Freilich ist diese Bezugnahme
grösstentheils nur polemischer Art, und Wilhelm eigentlich
noch weniger Aristoteliker, als er Platoniker ist; in seinem
Denken vollzieht sich eben nur eine völlige Zurückziehung
des christlichen Denkens vom Platonismus auf sich selber und
auf den Lehrinhalt der kirchlichen Theologie. Da aber diese
im Bedürfniss nach einer möglichst breiten rationellen Unterlage
für ihren lehrhaften Inhalt eine solche Isolirung nicht
vertrug, so konnte Wilhelms Verhalten nur einen transitorischen
Moment in der Entwickelung der mittelalterlichen Theologie
und Scholastik bedeuten, welcher den IJebergang derselben
aus ihrer älteren platonischen Epoche in die nachfolgende
peripatetische Epoche vermitteln half.