Wilhelms von Auvergne Verliältniss zu den Platonikern des XII. Jahrhunderts. 171
logischen Anschauungsweise irgendwie näher einzugehen; denn
dazu ist Wilhelm viel zu sehr Scholastiker, die Form seines
Denkens eine ganz andere als jene Hugo’s. Und dass er etwa
gewisse unentwickelte Denkansätze Hugo’s über Wesen und
Denkmächtigkeit der gottesbildlichen Seele berücksichtiget
oder weiter entwickelt hätte, ist von ihm vollends nicht zu erwarten.
Er trifft mit Hugo darin zusammen, dass er den
menschlichen Intellect zum Spiegel Gottes macht und die
Gotteserkenntniss als Hauptgegenstand des menschlichen Erkenntnisstrebens
hinstellt; dass er der sichtbaren Wirklichkeit
die Bestimmung zuweist, auf die Erkenntniss Gottes hinzuleiten;
dass er die Möglichkeit und den scientifischen Werth
einer unmittelbaren Selbsterkenntniss der Seele vertritt, den
trübenden Einfluss des Sündenfalles auf die Erkenntniss der
höheren, geistigen Dinge Gottes und des eigenen Selbst sehr
entschieden betont. Man wird aber nicht umhin können zuzugestehen,
dass diese Punkte bei Hugo viel klarer und geordneter
behandelt sind und in bestimmten psychologischen
und erkenntnisstheoretischen Grundanschauungen einen philosophischen
Rückhalt haben, der bei Wilhelm fehlt. Darin besteht
eben der Grundunterschied zwischen Hugo und Wilhelm,
dass jener sein christlich 7 kirchliches Bewusstsein in den Anschauungen
einer psychologischen Mystik zu verinnerlichen
strebt, während Letzterer den Inhalt der ihm mit Hugo gemeinsamen
Ueberzeugungen rein gegenständlich auffasst, und mit
der in der christichen Logoslehre gegebenen Hinterlage einer
rationellen Fassung des christlichen Weltbegriffes sich begnügt,
ohne diesen an irgend einer Stelle philosophisch zu vertiefen.
Die nothwendige Vorbedingung hieftir wäre eine tiefer
gehende Verständigung über den Gedanken des Allgemeinen
gewesen; wie wenig aber Wilhelm mit diesem anzufangen
wusste, ist im Laufe dieser Abhandlung zur Genüge gezeigt
worden. Allerdings hat er die Irrung Hugo’s vermieden, die
Ideen als ontologische, der sinnlichen Erscheinung substante
Realitäten anzusehen; man kann es ihm sogar als ein Zeichen
unbefangenen und gesunden Sinnes anrechnen, dass ihm die
den Platonikern eigene Confundirung von Ontologie und Ideologie
nicht Zusagen wollte. Dieses Verdienst ist jedoch rein
negativer Natur; indem er die in christlichem Sinne recti-