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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verliältniss  zu  den  Platonikern  des  XII.  Jahrhunderts.  171

logischen  Anschauungsweise  irgendwie  näher  einzugehen;  denn
dazu  ist  Wilhelm  viel  zu  sehr  Scholastiker,  die  Form  seines
Denkens  eine  ganz  andere  als  jene  Hugo’s.  Und  dass  er  etwa
gewisse  unentwickelte  Denkansätze  Hugo’s  über  Wesen  und
Denkmächtigkeit  der  gottesbildlichen  Seele  berücksichtiget
oder  weiter  entwickelt  hätte,  ist  von  ihm  vollends  nicht  zu  erwarten. ­
  Er  trifft  mit  Hugo  darin  zusammen,  dass  er  den
menschlichen  Intellect  zum  Spiegel  Gottes  macht  und  die
Gotteserkenntniss  als  Hauptgegenstand  des  menschlichen  Erkenntnisstrebens
  hinstellt;  dass  er  der  sichtbaren  Wirklichkeit
die  Bestimmung  zuweist,  auf  die  Erkenntniss  Gottes  hinzuleiten; ­
  dass  er  die  Möglichkeit  und  den  scientifischen  Werth
einer  unmittelbaren  Selbsterkenntniss  der  Seele  vertritt,  den
trübenden  Einfluss  des  Sündenfalles  auf  die  Erkenntniss  der
höheren,  geistigen  Dinge  Gottes  und  des  eigenen  Selbst  sehr
entschieden  betont.  Man  wird  aber  nicht  umhin  können  zuzugestehen, ­
  dass  diese  Punkte  bei  Hugo  viel  klarer  und  geordneter ­
  behandelt  sind  und  in  bestimmten  psychologischen
und  erkenntnisstheoretischen  Grundanschauungen  einen  philosophischen ­
  Rückhalt  haben,  der  bei  Wilhelm  fehlt.  Darin  besteht ­
  eben  der  Grundunterschied  zwischen  Hugo  und  Wilhelm,
dass  jener  sein  christlich  7  kirchliches  Bewusstsein  in  den  Anschauungen ­
  einer  psychologischen  Mystik  zu  verinnerlichen
strebt,  während  Letzterer  den  Inhalt  der  ihm  mit  Hugo  gemeinsamen ­
  Ueberzeugungen  rein  gegenständlich  auffasst,  und  mit
der  in  der  christichen  Logoslehre  gegebenen  Hinterlage  einer
rationellen  Fassung  des  christlichen  Weltbegriffes  sich  begnügt, ­
  ohne  diesen  an  irgend  einer  Stelle  philosophisch  zu  vertiefen. ­
  Die  nothwendige  Vorbedingung  hieftir  wäre  eine  tiefer
gehende  Verständigung  über  den  Gedanken  des  Allgemeinen
gewesen;  wie  wenig  aber  Wilhelm  mit  diesem  anzufangen
wusste,  ist  im  Laufe  dieser  Abhandlung  zur  Genüge  gezeigt
worden.  Allerdings  hat  er  die  Irrung  Hugo’s  vermieden,  die
Ideen  als  ontologische,  der  sinnlichen  Erscheinung  substante
Realitäten  anzusehen;  man  kann  es  ihm  sogar  als  ein  Zeichen
unbefangenen  und  gesunden  Sinnes  anrechnen,  dass  ihm  die
den  Platonikern  eigene  Confundirung  von  Ontologie  und  Ideologie ­
  nicht  Zusagen  wollte.  Dieses  Verdienst  ist  jedoch  rein
negativer  Natur;  indem  er  die  in  christlichem  Sinne  recti-
            
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