Wilhelms von Auvergne Verhältniss zu den Platonikern des XII. Jahrhunderts. 167
muss, als er die Dinge intellectiv d. i. im Lichte der göttlichen
Wahrheit denkt. Von einer förmlichen Hypostasirung
des Allgemeinbegriffes aber auf Kosten der individuellen Einzelexistenzen
ist bei Wilhelm keine Rede; in der objectiven
empirischen Wirklichkeit sind nur Einzeldinge, deren jedes
den allgemeinen Begriff seiner selbst darstellt, ohne mit demselben
zusammenzufallen, weil eine solche Coincidenz die mehrfältige
individuelle Darstellung desselben aufheben würde. Es
ist demnach ungerechtfertigt, Wilhelm von Auvergne mit Wilhelm
von Champeaux zusammenzustellen und in die Classe
der extremsten Realisten zu werfen, wie diess von Seite Haureau’s
1 geschieht; der Fehler liegt bei Wilhelm von Auvergne
vielmehr darin, dass er zufolge seiner unvollkommenen Auffassung
des intellectiven Denkens den Gedanken, dass der
Allgemeinbegriff eine objectiv gütige Abstraction des Allgemeingedankens
aus den in der empirischen Wirklichkeit gegebenen
individualisirten Verbesonderungen desselben sei, nicht
zu erschwingen vermag. Er weiss von keinem intellectus agens,
von keinem denkmächtigen Principe, das die in den Dingen
ausgedrückten Gedanken nach ihrem reinen Gehalte an’s Licht
zieht; das Denken ist zwar im Gegensätze zum Wollen nicht
eine rein passive Function, aber es ist ihm doch nur ein blosses
Thun, kein actives Produciren lichter Geistgedanken. Wir
wollen damit keineswegs sagen, dass der intellectus agens der
peripatetischen Scholastik für die höheren Functionen des
speculativen Denkens ausreiche; er drückt eben nur diess aus,
dass sich der menschliche Geist allen einzelnen sinnlichen
Realitäten gegenüber als denkmächtige höhere Realität wisse,
während er schon nicht mehr ausreicht, die gesammte sichtbare
Wirklichkeit als Complex specifisch differenter Erscheinungen
in einem lichten Geistgedanken denkmächtig zu erfassen.
Der intellectus agens der speculativen Scholastik erfasst
nur die Ideen der sinnlichen Einzelobjecte, und auch
da geht ihm die Idee nahezu im Formalbegriffe des Dinges
unter, wie es nicht anders kommen kann, da in der durch und
durch particulärisirten sinnlichen Wirklichkeit die tiefere Bedeutung
des Einzelnen nur aus der Idee des Naturganzen ver-Philosophie
scolastique I, p. 450 ff.