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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

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Werner.

Species  in  Wirklichkeit.  Da  Gott  die  Dinge  vollkommenst
denkt,  so  sind  sie  auch  im  göttlichen  Denken  nicht  etwa  bloss
nach  ihren  allgemeinen,  unbestimmten  Art-  und  Gattungsbegriffen, ­
  sondern  bis  in’s  Kleinste  gezählt  nach  ihrem  individuellen ­
  Sein  vorhanden;  der  mundus  archetypus  ist  ein  bis  in’s
Einzelnste  durchdachter  freischöpferischer  Entwurf  des  Welt-Ganzen,
  der  durchwegs  und  in  Allem  die  Bestimmtheit  des
absolut  freien  göttlichen  Wollens  an  sich  trägt.  Daraus,  dass
die  Welt  in  ihrer  concret  individualisirten  Gestaltung  genau
diess  ist,  als  was  Gott  sie  denkend  wollte,  wird  man  es  sich  zu
erklären  haben,  dass  nach  Wilhelm  das  intelligible  Wesen  der
geschaffenen  Dinge  von  uns  nur  in  Gott  erkannt  werden  könne.
Da  ferner  diese  Erkenntniss  auf  der  Eigenheit  des  Singulären
und  Individuellen  als  solchen,  als  des  eigentlich  Seienden  gehen
soll,  so  wird  man  weiter  auch  begreifen,  wesshalb  Wilhelm
das  bloss  generelle  Erkennen,  in  welchem  die  Eigenheit  des
Individuellen  nicht  erfasst  wird,  als  Zeichen  der  Schwäche
und  Kurzsichtigkeit  unseres  menschlichen  Denkens  nimmt;  es
ist  also  nicht  richtig,  wenn  man 1  in  dieser  seiner  Ansicht  vom
generellen  Denken  einen  Widerspruch  gegen  seine  anderweitige
Behauptung,  dass  der  menschliche  Intellect  ein  Spiegel  des
Intelligiblen  sei,  finden  will.
Die  Richtung  auf  die  geistige  Erfassung  des  Individuellen
als  solchen  ist  ein  charakteristischer  Grundzug  im  Denken
Wilhelms;  nur  vermag  diese  Richtung  seines  Denkens  zufolge
mancherlei  hemmender  Ursachen  nicht  zum  vollen  Durchbruche
zu  gelangen.  Ihm  selber  fehlt  noch  die  Bewusstheit  um  diesen
Zug  seiner  Denkrichtung,  der  sich  in  entschiedener  und  bewusster ­
  Weise  erst  im  Gegensätze  zum  speculativen  Peripatetismus
  der  Scholastik  hervorbilden  konnte.  Hätte  er  einige
Jahrhunderte  später  gelebt,  so  würde  vielleicht  der  Leibnitz'sche
Individualismus  seine  Aufmerksamkeit  sehr  lebhaft  beschäftiget
haben.  Er  betont  den  Gedanken  des  Allgemeinen  nicht  mehr,
als  es  ihm  nöthig  scheint,  um  die  objective  Wahrheit  und
Giltigkeit  desselben  zu  wahren.  Für  diese  tritt  er  nun  allerdings ­
  entschiedenst  ein;  der  Art-  und  Gattungsbegriff  sind  ihm
objectiv  wahre  Gedanken,  die  der  Mensch  so  gewiss  denken

1  Vgl.  Prantl,  Gesch.  d.  Logik  Bd.  III,  S.  77.
            
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