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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verhältpiss  zu  den  Platonikern  des  XII.  Jahrhunderts.  1  f)9

bereits  in  irgend  einer  Weise  gesetzt  sein  muss.  Auch  dasjenige, ­
  was  Wilhelm  über  das  Wort  als  ars  et  sapientia  Dei
bemerkt,  deutet  im  Grunde  nur  auf  die  Gestaltungsthätigkeit
des  göttlichen  Wortes  hin.  Die  Erschaffung  der  reinen  Geistwesen ­
  erscheint  nach  seiner  Art  zu  reden  als  ein  Ausfliessen
der  göttlichen  Vollkommenheiten, 1  deren  Ausflüsse  keines  Fulcimentes
  nach  Art  der  Körperformen  bedürfen;  da  nun  die
Materie  nicht  als  ein  Ausfluss  göttlicher  Vollkommenheit  genommen ­
  werden  kann,  so  müsste  man  sie  eigentlich  in  ganz
anderer  Art  entstanden  denken,  wenn  überhaupt  von  diesem
Standpunkte  aus  ihr  Entstehen  sollte  denkbar  gemacht  “werden
können;  denn  man  wird  kaum  zu  hart  urtheilen,  wenn  man
dafürhält,  dass  Wilhelm  philosophisch  den  antiken  Dualismus
zwischen  Gott  und  Materie  eben  so  wenig  überwunden  habe,
als  den  Emanatianismus,  dessen  Formeln,  wenn  auch  im
Sinne  des  christlichen  Schöpfungsglaubens  ungedeutet,  bei  ihm
so  häufig  wiederklingen.  Entschieden  weicht  Wilhelm  von
Avicebron  darin  ab,  dass  er  der  unter  den  christlichen  Theologen ­
  schon  dazumal  vorherrschenden  Ansicht  zufolge  die  körperlosen ­
  Geistwesen  als  rein  immaterielle  Wesen  nimmt,  während ­
  nach  Avicebron  alles  Geschaffene  aus  Materie  und  Form
zusammengesetzt  ist.  Er  .ist  aber  mit  Avicebron  in  Rücksicht
auf  die  Einheit  aller  Materie  einverstanden,  während  Albert
und  Thomas  mit  Aristoteles  zwischen  der  Materie  der  irdischen
und  himmlischen  Körper  unterscheiden.
Als  Dualist  hält  Wilhelm  an  dem  bleibenden  unaufheblichen
  Unterschiede  zwischen  der  geistigen  und  körperlichen
Realität  fest,  und  behauptet  demnach  mit  der  ewigen  Fortdauer
der  zeitlich  geschaffenen  Welt  auch  die  ewige  Dauer  der  Körperwelt, ­
  obschon  diese  mit  dem  Eintritte  der  Weltvollendung

essendi,  erit  fortius  lumen  et  stabilius  in  esse.  (Beide  Stellen  mitgetheilt
in  Seyerleins  Aufsätze  über  Avicebron,  Theol.  Jahrbücher  v.  Baur  u.
Zeller,  Jahrg.  1857,  S.  359/.
Sapientiam,  sanctitatem  et  ceteras  hujusmodi  perfectiones,  cum  cogitaveris
eas  apud  hujusmodi  substantias,  invenies  eas  descendentes  sive  fluentes
a  creatore  stabilitas  ab  codem,  et  innixas  super  eundem  innixione  corporali
  firmissima  et  singulari,  non  habentes  nec  requirentes  aliud  vel
fundamentuni  vel  fulcimentum,  et  ad  hunc  modum  se  habet  de  omnibus
his,  quse  a  creatore  per  viam  creationis  descendunt.  De  Univ.  II,  Ps.  2,  c.  2.
            
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