Wilhelms von Auvergne Verhältpiss zu den Platonikern des XII. Jahrhunderts. 1 f)9
bereits in irgend einer Weise gesetzt sein muss. Auch dasjenige,
was Wilhelm über das Wort als ars et sapientia Dei
bemerkt, deutet im Grunde nur auf die Gestaltungsthätigkeit
des göttlichen Wortes hin. Die Erschaffung der reinen Geistwesen
erscheint nach seiner Art zu reden als ein Ausfliessen
der göttlichen Vollkommenheiten, 1 deren Ausflüsse keines Fulcimentes
nach Art der Körperformen bedürfen; da nun die
Materie nicht als ein Ausfluss göttlicher Vollkommenheit genommen
werden kann, so müsste man sie eigentlich in ganz
anderer Art entstanden denken, wenn überhaupt von diesem
Standpunkte aus ihr Entstehen sollte denkbar gemacht “werden
können; denn man wird kaum zu hart urtheilen, wenn man
dafürhält, dass Wilhelm philosophisch den antiken Dualismus
zwischen Gott und Materie eben so wenig überwunden habe,
als den Emanatianismus, dessen Formeln, wenn auch im
Sinne des christlichen Schöpfungsglaubens ungedeutet, bei ihm
so häufig wiederklingen. Entschieden weicht Wilhelm von
Avicebron darin ab, dass er der unter den christlichen Theologen
schon dazumal vorherrschenden Ansicht zufolge die körperlosen
Geistwesen als rein immaterielle Wesen nimmt, während
nach Avicebron alles Geschaffene aus Materie und Form
zusammengesetzt ist. Er .ist aber mit Avicebron in Rücksicht
auf die Einheit aller Materie einverstanden, während Albert
und Thomas mit Aristoteles zwischen der Materie der irdischen
und himmlischen Körper unterscheiden.
Als Dualist hält Wilhelm an dem bleibenden unaufheblichen
Unterschiede zwischen der geistigen und körperlichen
Realität fest, und behauptet demnach mit der ewigen Fortdauer
der zeitlich geschaffenen Welt auch die ewige Dauer der Körperwelt,
obschon diese mit dem Eintritte der Weltvollendung
essendi, erit fortius lumen et stabilius in esse. (Beide Stellen mitgetheilt
in Seyerleins Aufsätze über Avicebron, Theol. Jahrbücher v. Baur u.
Zeller, Jahrg. 1857, S. 359/.
Sapientiam, sanctitatem et ceteras hujusmodi perfectiones, cum cogitaveris
eas apud hujusmodi substantias, invenies eas descendentes sive fluentes
a creatore stabilitas ab codem, et innixas super eundem innixione corporali
firmissima et singulari, non habentes nec requirentes aliud vel
fundamentuni vel fulcimentum, et ad hunc modum se habet de omnibus
his, quse a creatore per viam creationis descendunt. De Univ. II, Ps. 2, c. 2.