Wilhelms von Auvergne Verhältnis« zu den Platonifcern des XII. Jahrhunderts. J 57
Wilhelms zu dem vou ihm mehrmals citirten Avicebron (Wilhelm
schreibt immer: Avicembron) etwas näher in’s Auge zu
fassen. Dass Wilhelm sich nicht auf das speculative Gedankensystem
Avicebrons stützte, ist für sich klar, da er überhaupt
nicht speculativer Denker ist; dass er sich aber von ihm
meln fach anregen Hess, und namentlich in der Schöpfnngslehre
auf ihn Bezug nahm, liegt offen da. Für seine Verbindung
der Weisheit mit dem Willen in der Idee des Schöpferwortes
findet er eine Bestätigung in der analogen Anschauungsweise
Avicebrons, wobei er freilich von dem emanatianistischen
Charakter derselben völlig absieht, ja ihn kaum erkannt zu
haben scheint. Bei Avicebron ist der aus der göttlichen Intelligenz
ausgeflossene Schöpferwille nur die Ursache der Stoffgestaltung,
nicht aber der Materie selber; diese ist dem göttlichen
Wesen entflossen. Wilhelm kommt wiederholt auf einen
Spruch Avicebrons, 1 dessen Fassung durch sich selber schon
zu erkennen gibt, dass Avicebron die Schöpfung als einen aus
Gott hinausgeworfenen Schatten des göttlichen Wesens ansieht;
Wilhelm hält sich einfach daran, dass Avicebron im Geschaffenen
in Hinsicht auf die metaphysische Realität desselben
nur einen Schatten der absoluten Realität des göttlichen Wesens
sieht, und übersieht demzufolge völlig, dass das von Avicebron
gewählte Bild die Unabtrennliclikeit der Schöpfung von Gott,
somit die Notlnvendigkeit und absolute, für den göttlichen
Willen schlechthin gegebene Determinirtheit der Schöpfung
ausdrückt. Allerdings erklärt Wilhelm, dass er sich auf eine
kritische Beurtheilung der Schöpfungslehre Avicebrons nicht
einlassen, und den eigentlichen Sinn des angeführten Satzes
dahin gestellt sein lassen wolle; 2 aber er legt ihm einen möglichst
günstigen Sinn unter, indem er ihn zufolge seiner Meinung,
Avicebron sei ein christlicher Theolog gewesen, in christlich-theologischem
Sinne deutet. Vielleicht hat ihm Avicebrons
Lehre von der Entstehung der Weltsphären durch successiven
Ausfluss aus der allgemeinen Intelligenz einen Rückhalt für
1 Creaturse erexerunt se ad creatorem, et fecerunt ei urabram. De Univ. I,
Ps. 1, c. 18 ; II, Ps. 1, e. 33.
1 An einer anderen Stelle (Univ. I, Ps. 1, c. 17) tadelt er auch, aber ohne
Beziehung auf Avicebron, die Vorstellung vom Schallen als einem Schattenwerfen
der göttlichen Essenz.