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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verhältnis«  zu  den  Platonifcern  des  XII.  Jahrhunderts.  J  57

Wilhelms  zu  dem  vou  ihm  mehrmals  citirten  Avicebron  (Wilhelm ­
  schreibt  immer:  Avicembron)  etwas  näher  in’s  Auge  zu
fassen.  Dass  Wilhelm  sich  nicht  auf  das  speculative  Gedankensystem ­
  Avicebrons  stützte,  ist  für  sich  klar,  da  er  überhaupt
nicht  speculativer  Denker  ist;  dass  er  sich  aber  von  ihm
meln  fach  anregen  Hess,  und  namentlich  in  der  Schöpfnngslehre
auf  ihn  Bezug  nahm,  liegt  offen  da.  Für  seine  Verbindung
der  Weisheit  mit  dem  Willen  in  der  Idee  des  Schöpferwortes
findet  er  eine  Bestätigung  in  der  analogen  Anschauungsweise
Avicebrons,  wobei  er  freilich  von  dem  emanatianistischen
Charakter  derselben  völlig  absieht,  ja  ihn  kaum  erkannt  zu
haben  scheint.  Bei  Avicebron  ist  der  aus  der  göttlichen  Intelligenz ­
  ausgeflossene  Schöpferwille  nur  die  Ursache  der  Stoffgestaltung, ­
  nicht  aber  der  Materie  selber;  diese  ist  dem  göttlichen ­
  Wesen  entflossen.  Wilhelm  kommt  wiederholt  auf  einen
Spruch  Avicebrons, 1  dessen  Fassung  durch  sich  selber  schon
zu  erkennen  gibt,  dass  Avicebron  die  Schöpfung  als  einen  aus
Gott  hinausgeworfenen  Schatten  des  göttlichen  Wesens  ansieht;
Wilhelm  hält  sich  einfach  daran,  dass  Avicebron  im  Geschaffenen ­
  in  Hinsicht  auf  die  metaphysische  Realität  desselben
nur  einen  Schatten  der  absoluten  Realität  des  göttlichen  Wesens
sieht,  und  übersieht  demzufolge  völlig,  dass  das  von  Avicebron
gewählte  Bild  die  Unabtrennliclikeit  der  Schöpfung  von  Gott,
somit  die  Notlnvendigkeit  und  absolute,  für  den  göttlichen
Willen  schlechthin  gegebene  Determinirtheit  der  Schöpfung
ausdrückt.  Allerdings  erklärt  Wilhelm,  dass  er  sich  auf  eine
kritische  Beurtheilung  der  Schöpfungslehre  Avicebrons  nicht
einlassen,  und  den  eigentlichen  Sinn  des  angeführten  Satzes
dahin  gestellt  sein  lassen  wolle; 2  aber  er  legt  ihm  einen  möglichst ­
  günstigen  Sinn  unter,  indem  er  ihn  zufolge  seiner  Meinung, ­
  Avicebron  sei  ein  christlicher  Theolog  gewesen,  in  christlich-theologischem ­
  Sinne  deutet.  Vielleicht  hat  ihm  Avicebrons
Lehre  von  der  Entstehung  der  Weltsphären  durch  successiven
Ausfluss  aus  der  allgemeinen  Intelligenz  einen  Rückhalt  für
1  Creaturse  erexerunt  se  ad  creatorem,  et  fecerunt  ei  urabram.  De  Univ.  I,
Ps.  1,  c.  18  ;  II,  Ps.  1,  e.  33.
1  An  einer  anderen  Stelle  (Univ.  I,  Ps.  1,  c.  17)  tadelt  er  auch,  aber  ohne
Beziehung  auf  Avicebron,  die  Vorstellung  vom  Schallen  als  einem  Schattenwerfen ­
  der  göttlichen  Essenz.
            
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