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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verhältnis  zu  den  Platonihern  des  XII.  Jahrhunderts.  153

sowie  Ultra  und  Extra  nur  von  dem,  was  innerhalb  der  Welttotalität ­
  ist.  Daraus  aber,  dass  vor  der  Zeit  keine  Zeit  und  über
der  Welt  als  totalitas  rerum  nicht  wieder  eine  Welt  ist,  folgt
nicht,  dass  vor  der  Zeit  und  über  der  Welt  nichts  sei.  Avicenna
  hält  den  Uebergang  vom  vorausgegangenen  Nichtschaffen
zum  nachfolgenden  Schaffen  für  etwas  Undenkbares;  wie  die
schöpferische  Ursache  im  Momente  des  angeblichen  zeitlichen
Schaffens  disponirt  war,  muss  sie  auch  schon  früher  disponirt
gewesen  sein,  also  ihr  Schaffen  von  Ewigkeit  her  stattgehabt
haben.  Nehme  man  ein  Schaffen  in  der  Zeit  an,  so  müsse
man  dafür  halten,  dass  etwas  eingetreten  sei,  wodurch  das
Schaffen  ermöglicht  worden  sei,  und  dass  etwas  Anderes,  wodurch ­
  es  bisher  verhindert  wurde,  beseitigt  worden  sei.  Gegen
dieses  Argument  Avicenna’s  ereifert  sich  Wilhelm  in  fast  leidenschaftlich ­
  erregter  Weise.  Wenn  nichts  einen  Anfang  in
der  Zeit  gehabt,  sondern  Alles  von  Ewigkeit  her  gewesen  sein
soll,  so  heisst  diess  so  viel,  dass  Alles  ohne  einen  Anfang
seiner  Existenz  sei  —  ein  Irrthum,  den  man  nicht  widerlegen,
sondern  zusammt  seinen  Bekennern  mit  Feuer  und  Schwert
ausrotten  sollte.  In  der  schöpferischen  Ursache,  die  vom  Nichtschaffen ­
  zum  Schaffen  übergeht,  soll  eine  Veränderung  Vorgehen, ­
  und  etwas  eintreten.,  was  früher  nicht  in  ihr  war;  woher
soll  dieses  Neue  in  ihr,  welches  Ursache  des  Jetzt  -  Schaffens
ist,  gekommen  sein?  Es  kann  nicht  ursachlos  eingetreten
sein;  also  muss  man  für  diese  Ursache  des  Jetzt  -  Schaffens
wieder  eine  Ursache  suchen,  und  so  in’s  Unendliche  fort.
Avicenna  würde  aus  der  Unmöglichkeit  dieses  regressus'  in  infinitum
  folgern,  dass  die  schöpferische  Ursache  eben  vom  Anfänge ­
  her  und  seit  ewig  zum  Schaffen  disponirt  gewesen  sei;
Wilhelm  zieht  umgekehrt  die  Folgerung,  dass  die  Inswerksetzung ­
  des  seit  ewig  bestehenden  Schaffensbeschlusses  keine
Veränderung  der  immutablen  Wesenheit  des  Schöpfers  involvire.
Er  bringt  diese  absolute  Immutäbilität  des  Schöpfers  in  Verbindung ­
  mit  der  absoluten  Allvermögendheit  Gottes,  die  als  solche
jede  Determinirtheit  und  Nöthigung  Gottes,  etwas  Bestimmtes  mit
Ausschluss  alles  Anderen  sonst  Möglichen  hervorzubringen,  ausschliesst.
  Wenn  Gott  vermöge  seiner  absoluten  Allvermöglichkeit ­
  nicht  determinirt  oder  genöthigt  ist,  etwas  Bestimmtes
hervorzubringen,  so  ist  allerdings  nicht  bloss  die  Wahl  des  zu
            
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