Wilhelms von Auvergne Verhältniss zu deu Platonikern des XII. Jahrhunderts 151
Eine Hauptinstanz gegen das angebliche Schaffen jener
Intelligenzen bietet sieh Wilhelm in dem Umstande dar, dass sie
mittelst ihrer intelleetiven Thätigkeit schaffen sollen. 1 Die erste
Intelligenz bringt die zweite hervor, indem sie den Schöpfer
denkenderfasst. Daraus folgt, dass jede der anderen Intelligenzen
gleichfalls dadurch, dass jede aus ihnen ihre Schöpferursache
denkend erfasste, eine neue Intelligenz setzte. Wenn aber
jede derselben schaffend ihre Schöpferursache wiedersetzte, so
begreift man nicht die successive Ahschwächung der auf einander
folgenden Creationen. Eben so unbegreiflich ist, dass
die ihre Schöpferursache denkende Intelligenz eine andere
aus ihr emanirte Intelligenz als Frucht ihres Gedankens setzt;
das ist gerade so, als ob derjenige, der den Bauplan für ein
Haus entwirft, eine Statue producirte. Man könnte jenen Gedanken
nur so zurecht legen, dass gesagt würde, die erste Intelligenz
habe die aus ihr hervorzugehen bestimmte zweite Intelligenz
in der Idee des Schöpfers wahrhaft verstanden und
so die Hervorbringung derselben zu Stande gebracht. Noch
bedenklicher steht es um die angebliche Hervorbringung der
Himmelsseelen durch die Intelligenzen, da zwischen beiden
nicht bloss ein specifischer, sondern ein generischer Unterschied
besteht. Am allerwenigsten ist aber die Creirung der
körperlichen Form des Himmels durch die Intelligenzen denkbar,
da diese Form vom Denken der Intelligenzen noch weiter
absteht, als die Materie des körperlichen Himmels; die Materie
an sich ist einfach nur formlos, die Formirung derselben aber
ergibt etwas den intelligiblen Formen der Intelligenzen positiv
Unähnliches. Die Materie des Himmels konnte aber von den
Intelligenzen desshalb nicht hervorgebracht werden, weil die
Intelligentia prima, wenn sie die Potenz des Schöpfers dachte,
nicht etwas bloss potentiell Seiendes, sondern den Schöpfer
selber dachte; daher konnte aus ihrem Denken der Potenz
des Schöpfers nichts Anderes und Geringeres, als aus ihrem
Denken der Essenz des Schöpfers hervorgehen, die Frucht
jenes Gedankens der Potenz des Schöpfers konnte nicht die
Emanation der Materie oder das an sich blos potentielle Sein
sein. Die Potenzialität des Schöpfers ist rein activ, jene der
2 De Univ. II, Ps. 1, c. 27 ff.
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