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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verhältniss  zu  deu  Platonikern  des  XII.  Jahrhunderts  151

Eine  Hauptinstanz  gegen  das  angebliche  Schaffen  jener
Intelligenzen  bietet  sieh  Wilhelm  in  dem  Umstande  dar,  dass  sie
mittelst  ihrer  intelleetiven  Thätigkeit  schaffen  sollen. 1  Die  erste
Intelligenz  bringt  die  zweite  hervor,  indem  sie  den  Schöpfer
denkenderfasst.  Daraus  folgt,  dass  jede  der  anderen  Intelligenzen
gleichfalls  dadurch,  dass  jede  aus  ihnen  ihre  Schöpferursache
denkend  erfasste,  eine  neue  Intelligenz  setzte.  Wenn  aber
jede  derselben  schaffend  ihre  Schöpferursache  wiedersetzte,  so
begreift  man  nicht  die  successive  Ahschwächung  der  auf  einander ­
  folgenden  Creationen.  Eben  so  unbegreiflich  ist,  dass
die  ihre  Schöpferursache  denkende  Intelligenz  eine  andere
aus  ihr  emanirte  Intelligenz  als  Frucht  ihres  Gedankens  setzt;
das  ist  gerade  so,  als  ob  derjenige,  der  den  Bauplan  für  ein
Haus  entwirft,  eine  Statue  producirte.  Man  könnte  jenen  Gedanken ­
  nur  so  zurecht  legen,  dass  gesagt  würde,  die  erste  Intelligenz ­
  habe  die  aus  ihr  hervorzugehen  bestimmte  zweite  Intelligenz ­
  in  der  Idee  des  Schöpfers  wahrhaft  verstanden  und
so  die  Hervorbringung  derselben  zu  Stande  gebracht.  Noch
bedenklicher  steht  es  um  die  angebliche  Hervorbringung  der
Himmelsseelen  durch  die  Intelligenzen,  da  zwischen  beiden
nicht  bloss  ein  specifischer,  sondern  ein  generischer  Unterschied ­
  besteht.  Am  allerwenigsten  ist  aber  die  Creirung  der
körperlichen  Form  des  Himmels  durch  die  Intelligenzen  denkbar, ­
  da  diese  Form  vom  Denken  der  Intelligenzen  noch  weiter
absteht,  als  die  Materie  des  körperlichen  Himmels;  die  Materie
an  sich  ist  einfach  nur  formlos,  die  Formirung  derselben  aber
ergibt  etwas  den  intelligiblen  Formen  der  Intelligenzen  positiv
Unähnliches.  Die  Materie  des  Himmels  konnte  aber  von  den
Intelligenzen  desshalb  nicht  hervorgebracht  werden,  weil  die
Intelligentia  prima,  wenn  sie  die  Potenz  des  Schöpfers  dachte,
nicht  etwas  bloss  potentiell  Seiendes,  sondern  den  Schöpfer
selber  dachte;  daher  konnte  aus  ihrem  Denken  der  Potenz
des  Schöpfers  nichts  Anderes  und  Geringeres,  als  aus  ihrem
Denken  der  Essenz  des  Schöpfers  hervorgehen,  die  Frucht
jenes  Gedankens  der  Potenz  des  Schöpfers  konnte  nicht  die
Emanation  der  Materie  oder  das  an  sich  blos  potentielle  Sein
sein.  Die  Potenzialität  des  Schöpfers  ist  rein  activ,  jene  der
2  De  Univ.  II,  Ps.  1,  c.  27  ff.

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