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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

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Werner.

die  intelligiblen  Formen  aller  irdischen  Dinge  und  Wesen
vorhanden  sein;  sie  ist  ja  nach  Aristoteles  die  Schöpferin  unserer ­
  Seelen  und  die  Bildnerin  unserer  Leiber,  und  muss  beide,
Seelen  und  Leiber,  nach  den  ihr  eingebornen,  natürlich  eigenen
Ideen  hervorgebracht  haben.
Dieses,  der  intelligentia  agens  boigelegte  Schöpfervermögen ­
  ist  nun  ein  weiterer  Punkt  der  Kritik  Wilhelms. 1
Erstlich  ist  unter  der  Voraussetzung  eines  derartigen  Ursprunges ­
  der  Menschenseelen  die  Verschiedenheit  und  Ungleichartigkeit ­
  ihrer  besonderen  Begabungen  nicht  erklärlich.  Dieser
Unterschied  kann  nicht  aus  dem  in  sich  durchaus  gleichartigen
und  gleichmässigen  Wirken  der  intelligentia  agens  erklärt
werden;  er  kann  eben  so  wenig  in  der  Verschiedenheit  der
körperlichen  Dispositionen  gegründet  Sein,  da  ja  auch  die  Körper ­
  der  Menschenseelen  ein  Product  jener  durchaus  gleichartigen ­
  und  gleichmässigen  Wirksamkeit  der  intelligentia  agens
sein  sollen.  Ferner  muss  das  Schaffen  der-Seelen  als  ein  ohne
Mittel  innerhalb  der  intelligentia  agens  vor  sich  gehender  Act
gedacht  werden;  wie  ist  es  mit  der  Güte  der  schaffenden  Potenz ­
  zu  vereinbaren,  dass  sie  die  in  sich  erzeugten  Seelen  aus
sich  hinausstösst,  um  sie  in  irdische  Leiber  einzukerkern  ?
Jede  der  oberen  neun  himmlischen  Intelligenzen  bringt  eine
andere  Intelligenz  hervor,  und  schafft  sich  ihren  eigenen  Himmel ­
  ;  warum  beschränkt  man  das  Schaffen  der  intelligentia
agens  auf  die  Hervorbringung  der  Seelen  und  Leiber,  warum
war  sie  unvermögend,  sich  ihren  eigenen  Himmel  zu  schaffen,
oder  in  Ermangelung  dessen  wenigstens  die  gesammte  tellurische
Sphäre  zu  gestalten?  Aber  freilich  ist  auch  das  den  anderen
Intelligenzen  zugeschriebene  Schöpfervermögen  mit  allerlei  Ungereimtheiten ­
  behaftet.  Jede  der  Intelligenzen  setzt  in  demjenigen, ­
  was  sie  schafft,  etwas,  das  minder  ist,  als  sie  selbst.
Man  muss  fragen,  sind  die  zehn  Intelligenzen  Individuen  einer
und  derselben  Species  oder  nicht?  Gehören  sie  unter  Eine
Species,  so  begreift  man  nicht,  weshalb  jede  folgende  etwas
Minderes  ist  als  die  ihr  vorausgehenden;  sind  sie  aber  nicht
Einer  Species,  so  ist  unbegreiflich,  wie  eine  aus  der  anderen
auf  natürliche  Weise  hervorgehen  konnte.

1  De  Univ.  II,  Ps.  1,  capp.  19—27.
            
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