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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verhältnis«  zu  (len  Platonikern  des  XII.  Jahrhunderts  147

hat  nämlich  das  Verlangen,  jener  Intelligenz,  die  ihrer
Sphäre  vorgesetzt  ist,  sich  selbst  und  die  von  ihr  beseelte
Sphäre  zu  verähnlichen;  die  kreisförmige  Bewegung  der  Sphäre
soll  als  die  vollkommenste  aller  Bewegungen  das  Ergebniss
dieses  Verähnlichungsstrebens  sein.  Wilhelm  findet,  dsss  diese
Bewegung  eigentlich  nur  ein  unaufhörliches  zielloses  Suchen
des  absoluten  Ortes  des  sich  bewegenden  Körpers  ist,  der
jenen  Ort  zwar  in  jedem  Momente  zu  errreichen  scheint,  aber
kaum  erreicht  in  demselben  Momente  schon  wieder  aufgeben
muss.  Von  einer  Verähnlichung  der  bewegten  Sphäre  mit  der
ihr  entsprechenden  Intelligenz  kann  keine  Rede  sein;  die  Intelligenz, ­
  die  als  causa  finalis  angestrebt  wird,  ruht  unbewegt  in  sich
selber,  die  kreisende  Sphäre  wird  durch  das  Verlangen  ihrer  Seele
nach  Vereinigung  mit  jenem  Ruheziele  in  der  Unruhe  einer  beständigen ­
  Kreisung  erhalten;  die  Intelligenz  ist  vollkommen  actu,
die  kreisende  Sphäre  stets  nur  in  potentia  ad  actum,  ohne  diese
Potentialität  in  irgend  einem  Momente  je  actuiren  zu  können.
Wilhelm  vergleicht  das  ruhelose  Herumtreiben  der  Sphären
durch  ihre  Seelen  in  einem  nicht  gerade  edlen  Bilde  mit  der
Bewegung  einer  durch  Pferde  oder  Mäuler  getriebenen  Tretmühle, ­
  wobei  nur  der  Unterschied  statthabe,  dass  die  Bewegung
der  Tretmühle  einem  nützlichen  Zwecke  diene,  während  das
Umtreiben  der  Himmelssphären  gänzlich  ziellos  sei.  Diese
letztere  Bemerkung  ist  in  mehr  als  einer  Beziehung  verfehlt,
und  hält  sich  nicht  auf  der  Höhe  einer  wissenschaftlichen  Argumentation ­
  ;  von  grösserem  Belange  ist  es,  wenn  Wilhelm  die
Frage  aufwirft,  weshalb  die  einzelnen  Himmelsseelen  jede  gerade ­
  nur  der  speciell  ihre  besondere  Sphäre  beherrschenden
Intelligenz  zugewendet  seien,  und  nicht  vielmehr  der  intelligentia
  prima,  die  als  die  vollkommenste  und  herrlichste  doch
den  stäi’ksten  Zug  auf  alle  Himmelsseelen  ohne  Unterschied
ausüben  sollte?  Die  Himmelsseelen  seien  damit  zu  einer  Unfreiheit ­
  verurtheilt,  über  welche  die  irdischen  Menschenseelen
hinausgehoben  seien;  denn  diesen  sei  es  anheimgegeben,  ihre
Ideale  in  der  höchsten  und  vollkommensten  Wirklichkeit
zu  suchen,  ja  es  gilt  sogar  als  tadelhaft,  mit  Beiseitesetzung
des  Besten  und  Vollkommensten  das  minder  Vollkommene  zu
seinem  absoluten  Ideale  zu  machen.  Es  geht  aber  gar  nicht
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