Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

142

Werner.

theistische  Ausdeutung  derselben,  vermöge  welcher  die  Ideen
unmittelbar  in  das  göttliche  Denken  selber  zu  verlegen  sind,
mindestens  für  die  wahrscheinlich  richtige  und  durch  Plato’s
Intentionen  selber  geforderte  hält.  Man  könnte  darüber  zweifeln, ­
  bemerkt  Wilhelm 1 ,  ob  Plato  unter  den  Ideen  die  Artbegriffe ­
  oder  die  Urbilder  der  Sinnendinge  gemeint  habe.  Der
ersteren  Annahme  widersprechen  seine  Aeusserungen  im  Timäus;
  denn  daselbst  heisst  es,  dass  die  Erde  und  das  Feuer,
die  wir  mit  unseren  Sinnen  wahrnehmen,  nicht  die  wahrhafte
Erde  und  das  wahrhafte  Feuer  seien;  er  denkt  also  hiebei  an
die  Urbilder  dieser  Sinnesobjecte.  Hat  er  sie  als  Urbilder  gedacht, ­
  so  müssen  sie  als  Gedanken  des  Schöpfers  genommen
werden,  da  sie  ausser  dem  Denken  des  Schöpfers  weder  als
sinnliche  noch  als  unsinnliche  Realitäten  existiren  können-;
nicht  als  sinnliche,  da  sie  eben  die  übersinnlichen  Urbilder
der  sinnlichen  Objecte  sein  sollen  -—  nicht  als  unsinnliche
Realitäten,  da  Stoffe,  Farben  u.  s.  w.  eben  nur  eine  sinnliche
Existenz  haben  können.  Die  Annahme,  Plato  habe  unter  den
Ideen  die  Artbegriffe  verstanden,  muss  schon  darum  preisgegeben ­
  werden,  weil  er  doch  ganz  gewiss  wusste,  dass  die  Art
eines  Dinges  sein  Wesen  oder  Esse  ausmache;  ist  das  ganze
Esse  der  Individuen  in  den  Individuen  selber,  so  kann  es  nicht
ausser  ihnen  sein,  der  Artbegriff  kann  nicht  als  eine  von  den  unter
ihm  befassten  Einzelndingen  gesonderte  Realität  existiren.  Demnach ­
  ist  der  Existenz  eines  von  Gott  und  den  Dingen  gesonderten
Reiches  real  existenter  Allgemeinbegriffe  kein  Raum  gegeben.
Eine  Welt  sogenannter  Archetypen  ist  nicht  denkbar, 2
mag  man  sie  mit  dem  Schöpfer  identificireu  oder  von  ihm
unterscheiden.  Identificirt  man  sie  mit  dem  Schöpfer,  so  muss
jedes  Archetyp  als  Schöpfer  genommen  werden:  damit  wird
aber  die  untheilbare  Einheit  des  Schöpfers  in  eine  reale  Vielheit ­
  von  Schöpfermächten  aufgelöst.  Nimmt  man  die  Welt
der  Archetypen  als  etwas  von  Gott  Verschiedenes,  so  muss  sie
eine  erste  urhafte  schöpferische  Setzung  Gottes  sein,  in  der
er  sich  urhaft  die  Welt  vergegenwärtiget.  Da  sie  aber  eine
Schöpfung  ist,  und  von  Gott  nicht  blind  producirt  worden  sein

1  De  Univ.  II,  Ps.  1,  c.  35.
2  De  Univ.  I,  Ps.  1,  c.  38.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.