Wilhelms von Auvergne Verliiiltnias zu den Platonikern des XII. Jahrh undertß. 131
das ethiscli-religiöse Bewusstsein des christlichen Abendlandes
auf das entschiedenste zu reagiren sich aufgefordert fühlte.
Sofern die arabischen Aristoteliker auch neuplatonische Elemente
in ihre Lehren aufgenommen hatten, berührten sie sich einigermassen
mit solchen christlichen Platonikern, welche sich auf
emanatianistische Grundanschauungen stützten; wir können in
dieser Hinsicht eine Art geistiger Continuität zwischen den
Lehren Bernhards von Chartres, und den nach ihm im Abendlande
bekannt werdenden Lehren eines Alfarabi, Avicenna,
Algazel, so wie des Juden Avicebron annehmen, mit welchen
sich bereits Wilhelm mehr oder weniger umständlich auseinanderzusetzen
veranlasst sah.
Bernhard von Chartres, auf dessen Anschauungen Wilhelm
in seinem Werke de Universo unzweifelhaft Bezug genommen
hat, heisst bei Johann von Salisbury 1 der vollkommenste
Platoniker seines Zeitalters; es wird weiter von ihm
bemerkt, dass er und seine Schüler sich um eine Concordirung
des Plato und Aristoteles bemüht hätten, 2 was aber nicht recht
habe gelingen wollen. In Bezug auf Bernhard kann dieses
Ausgleichungsbestreben unter Anderem auch darauf bezogen
werden, dass in die Welt der reinen Ideen, in welcher Alles,
was in der wirklichen Welt zur Erscheinung kommt, urhaft
vorgebildet ist, auch die aristotelischen Kategorien als urbildliche
Realitäten aufgenommen sind. Die Art und Weise, wie
Bernhard sich diese Idealwelt denkt, in welcher alles Sein und
Geschehen in der Welt vom Allgemeinsten bis in’s Einzelnste
urbildlich präformirt und prädeterminirt ist, macht es nothwendig,
diese Idealwelt als eine lebendige Wirklichkeit zu
fassen, in welcher Alles, was in der aus der Hyle geformten
Welt in zeitlicher Succession hervortritt, in zeitloser Simultaneität
als erste urhafte Schöpfung vorhanden ist. Die Idealwelt
ist also selber schon eine urhafte Schöpfung Gottes, die der
göttliche Verstand als ewige Schöpfung in sich trägt; als
Schöpfung kann sie aber nicht mit dem Schöpfer coätern sein,
da ihr dieser als Ursache nothwendig vorauszudenken ist; sie
hat nur als göttliche Gedankenconception an der Ewigkeit ihres
1 Metalogicus IV, 35.
2 Metalog. II, 17.
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