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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verliiiltnias  zu  den  Platonikern  des  XII.  Jahrh  undertß.  131

das  ethiscli-religiöse  Bewusstsein  des  christlichen  Abendlandes
auf  das  entschiedenste  zu  reagiren  sich  aufgefordert  fühlte.
Sofern  die  arabischen  Aristoteliker  auch  neuplatonische  Elemente
in  ihre  Lehren  aufgenommen  hatten,  berührten  sie  sich  einigermassen
  mit  solchen  christlichen  Platonikern,  welche  sich  auf
emanatianistische  Grundanschauungen  stützten;  wir  können  in
dieser  Hinsicht  eine  Art  geistiger  Continuität  zwischen  den
Lehren  Bernhards  von  Chartres,  und  den  nach  ihm  im  Abendlande ­
  bekannt  werdenden  Lehren  eines  Alfarabi,  Avicenna,
Algazel,  so  wie  des  Juden  Avicebron  annehmen,  mit  welchen
sich  bereits  Wilhelm  mehr  oder  weniger  umständlich  auseinanderzusetzen ­
  veranlasst  sah.
Bernhard  von  Chartres,  auf  dessen  Anschauungen  Wilhelm ­
  in  seinem  Werke  de  Universo  unzweifelhaft  Bezug  genommen ­
  hat,  heisst  bei  Johann  von  Salisbury  1  der  vollkommenste ­
  Platoniker  seines  Zeitalters;  es  wird  weiter  von  ihm
bemerkt,  dass  er  und  seine  Schüler  sich  um  eine  Concordirung
des  Plato  und  Aristoteles  bemüht  hätten, 2  was  aber  nicht  recht
habe  gelingen  wollen.  In  Bezug  auf  Bernhard  kann  dieses
Ausgleichungsbestreben  unter  Anderem  auch  darauf  bezogen
werden,  dass  in  die  Welt  der  reinen  Ideen,  in  welcher  Alles,
was  in  der  wirklichen  Welt  zur  Erscheinung  kommt,  urhaft
vorgebildet  ist,  auch  die  aristotelischen  Kategorien  als  urbildliche
  Realitäten  aufgenommen  sind.  Die  Art  und  Weise,  wie
Bernhard  sich  diese  Idealwelt  denkt,  in  welcher  alles  Sein  und
Geschehen  in  der  Welt  vom  Allgemeinsten  bis  in’s  Einzelnste
urbildlich  präformirt  und  prädeterminirt  ist,  macht  es  nothwendig,
  diese  Idealwelt  als  eine  lebendige  Wirklichkeit  zu
fassen,  in  welcher  Alles,  was  in  der  aus  der  Hyle  geformten
Welt  in  zeitlicher  Succession  hervortritt,  in  zeitloser  Simultaneität
  als  erste  urhafte  Schöpfung  vorhanden  ist.  Die  Idealwelt
ist  also  selber  schon  eine  urhafte  Schöpfung  Gottes,  die  der
göttliche  Verstand  als  ewige  Schöpfung  in  sich  trägt;  als
Schöpfung  kann  sie  aber  nicht  mit  dem  Schöpfer  coätern  sein,
da  ihr  dieser  als  Ursache  nothwendig  vorauszudenken  ist;  sie
hat  nur  als  göttliche  Gedankenconception  an  der  Ewigkeit  ihres

1  Metalogicus  IV,  35.
2  Metalog.  II,  17.
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