Wilhelms von Auvergne Verhältnis zu (len Platonilcern des XU. Jahrhunderts 129
des Bewohners zu seinem Hause, des Arbeiters zu seinem Instrumente,
des Bekleideten zu seinem Gewände. Gleichwol
erklärt er sich gegen die von Hugo a St. Victore festgehaltene
Ansicht, dass die Seele durch sich selber schon das Menschsein
des Menschen ausmache; die Seele ist bloss die constitutive
Form des Menschenwesens, der Mensch selber aber das Totum
aus Form und Materie. 1 Er kommt indess nicht dazu, die
Weltstellung des Menschen als dieses Totum’s zu bestimmen;
wenn er gelegentlich den platonischen Gedanken vom Menschen
als Mikrokosmos billigend erwähnt, 2 so hat diess nicht viel zu
bedeuten, da eine tiefere Fassung und nähere Beleuchtung
dieses Gedankens gänzlich ausser seiner Absicht liegt. Die
Weltstellung des Menschen wird einzig nur mit Rücksicht auf
die Location der Menschenseele in der Stufenleiter der Wesen
als Mittelwesen zwischen den Engeln und Thierseelen bestimmt. 3
Schon diese Angabe der kosmischen Stellung der Menschenseele
zeigt, in wie begrenztem und verengendem Sinne Wilhelm
jene Stellung auffasst.; er findet für sie eine ganz neue,
vor ihm ..niemals zur Sprache gebrachte Rangirung-, wenn er
sie als Mittelwesen in der Reihe der unkörperlichen Lebewesen
auffasst. Sie hat mit den Engeln die Intelligenz, mit den
Thierseelen die animalischen Dispositionen und Begehrungen
gemein, die aber freilich nach Wilhelm erst mit dem Sündenfalle
actuell hervorgetreten sind. 4 Er fasst dieses Hervortreten
als eine Verkehrung der ursprünglichen irasciblen und concupisciblen
Kraft der Seele, die also ursprünglich auf das
Geistige, Himmlische und Göttliche gerichtet gewesen sein
müssen. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass hier eine
Fusion und Verwechslung der ethischen Seelenrichtung mit
jenen Vermögen oder Functionen statt hat, welche in Plato’s
trichotomischer Schematisirung des inneren seelischen Menschen
als die der Vernunft subordinirten Functionen des Ougo? und
sxi0ugY)-wiöv erscheinen. Eben so klar ist ferner, dass die Seele
1 De anima I, 2.
2 De universo I, Pars 3, c. 97.
3 Vgl. die kleine Abhandlung Wilhelms de immortalitate animse. Opp.
Tom. I, p. 332.
4 De anima V, 13.
Sitzungsber. d. phil.-liist. CI. LXXIV. Bd. I. Hft. 9