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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 74. Band, (Jahrgang 1873)

Wilhelms  von  Auvergne  Verhältnis  zu  (len  Platonilcern  des  XU.  Jahrhunderts  129
des  Bewohners  zu  seinem  Hause,  des  Arbeiters  zu  seinem  Instrumente, ­
  des  Bekleideten  zu  seinem  Gewände.  Gleichwol
erklärt  er  sich  gegen  die  von  Hugo  a  St.  Victore  festgehaltene
Ansicht,  dass  die  Seele  durch  sich  selber  schon  das  Menschsein
des  Menschen  ausmache;  die  Seele  ist  bloss  die  constitutive
Form  des  Menschenwesens,  der  Mensch  selber  aber  das  Totum
aus  Form  und  Materie. 1  Er  kommt  indess  nicht  dazu,  die
Weltstellung  des  Menschen  als  dieses  Totum’s  zu  bestimmen;
wenn  er  gelegentlich  den  platonischen  Gedanken  vom  Menschen
als  Mikrokosmos  billigend  erwähnt, 2  so  hat  diess  nicht  viel  zu
bedeuten,  da  eine  tiefere  Fassung  und  nähere  Beleuchtung
dieses  Gedankens  gänzlich  ausser  seiner  Absicht  liegt.  Die
Weltstellung  des  Menschen  wird  einzig  nur  mit  Rücksicht  auf
die  Location  der  Menschenseele  in  der  Stufenleiter  der  Wesen
als  Mittelwesen  zwischen  den  Engeln  und  Thierseelen  bestimmt. 3
Schon  diese  Angabe  der  kosmischen  Stellung  der  Menschenseele ­
  zeigt,  in  wie  begrenztem  und  verengendem  Sinne  Wilhelm ­
  jene  Stellung  auffasst.;  er  findet  für  sie  eine  ganz  neue,
vor  ihm  ..niemals  zur  Sprache  gebrachte  Rangirung-,  wenn  er
sie  als  Mittelwesen  in  der  Reihe  der  unkörperlichen  Lebewesen
auffasst.  Sie  hat  mit  den  Engeln  die  Intelligenz,  mit  den
Thierseelen  die  animalischen  Dispositionen  und  Begehrungen
gemein,  die  aber  freilich  nach  Wilhelm  erst  mit  dem  Sündenfalle ­
  actuell  hervorgetreten  sind. 4  Er  fasst  dieses  Hervortreten
als  eine  Verkehrung  der  ursprünglichen  irasciblen  und  concupisciblen
  Kraft  der  Seele,  die  also  ursprünglich  auf  das
Geistige,  Himmlische  und  Göttliche  gerichtet  gewesen  sein
müssen.  Es  braucht  kaum  gesagt  zu  werden,  dass  hier  eine
Fusion  und  Verwechslung  der  ethischen  Seelenrichtung  mit
jenen  Vermögen  oder  Functionen  statt  hat,  welche  in  Plato’s
trichotomischer  Schematisirung  des  inneren  seelischen  Menschen
als  die  der  Vernunft  subordinirten  Functionen  des  Ougo?  und
sxi0ugY)-wiöv  erscheinen.  Eben  so  klar  ist  ferner,  dass  die  Seele
1  De  anima  I,  2.
2  De  universo  I,  Pars  3,  c.  97.
3  Vgl.  die  kleine  Abhandlung  Wilhelms  de  immortalitate  animse.  Opp.
Tom.  I,  p.  332.
4  De  anima  V,  13.
Sitzungsber.  d.  phil.-liist.  CI.  LXXIV.  Bd.  I.  Hft.  9
            
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