Wilhelms von Auvergne Verhältnis zu den Platonikern des XII. Jahrhunderts. 125
bedürfniss mitunter ganz ablenke, 1 obschon nicht zu verkennen
sei, dass derartigen trockenen Studien Ergebene über das Begehren
des gemeinen Haufens, nach Reichthum, Lust, Ehre
und anderen Gütern ähnlicher Art erhaben seien. Sollte da
nicht auf Adelards Philokosmie und deren Zurückweisung durch
die in Begleitung der sieben freien Künste erschienene Philosophie
angespielt sein, und sollte die Bemerkung über die
Trockenheit mathematischer Studien nicht Adelard, dem Verfasser
der arabisch-lateinischen Uebersetzung des Euklid gelten?
Drückt sich hierin ein etwas gespanntes Verhältniss des
Theologen zu der ausser dem Bereiche specifisch christlicher
Anschauungen stehenden Weltweisheit aus, so haben wir nunmehr
auch auf jene Differenzen zwischen Wilhelm und Adelard
einzugehen, welche unmittelbar das Philosophische selber betreffen.
Die gegen die Philokosmie das Wort ergreifende Philosophie
setzt der Schmähung der Vernunft durch erstere eine rückhaltlose
Verwerfung des geistigen Werthes der Sinneserkenntniss
entgegen; dieselbe soll schlechthin keinen Antheil am Zustandekommen
der tieferen geistigen Erkenntnisse haben, und
den Geist hierin, statt zu fördern, einfach nur hemmen. Wessen
Blick — ruft Adelard aus — vermag den unermesslichen Himmelsraum
zu umfassen? Welches Ohr seine Harmonie zu vernehmen?
welches Auge die Atome zu scheiden? Welches Gehör
das Geräusch ihres Zusammenstosses zu unterscheiden?
Keinerlei Vertrauen gebührt den Sinnen; nicht das Wissen,
nur die Meinung könne von ihnen ausgehen. Wilhelm ist mit
dieser absoluten Geringschätzung der sinnlichen Erkenntniss
nicht einverstanden; er meint, dass es sich nicht bloss um die
Erkenntniss der Dinge an sich, sondern auch um die Erkenntniss
inferiorum, sensibilium seil, vel temporalium appreliensiones descendere
non solum non curant, sed molestum liabent propter Separationem a rebus
subliraibus, quariim cogitatus et conteraplatio ultra quam scire nobis
possibile sit, delectabilis est; et intendo, quod molestus est eis descensus
liujusmodi, nisi ex permissione creatoris, vel propter ampliorem magnificationem
ipsius, vel propter imnmtationem aliquam vel utilitatem hujusmodi
hominum. De anima V, 18.
1 Dicit, unus e majoribus gentis cliristianorum theologis, quod aritlunetica
et geometria, etri veritatem contiueant, non sunt scientise tarnen pietatis.
Ibidem.